Sonntag, 7. Oktober 2012

A&O: Das Zeichenchaos meiner Kindheit


Vor einigen Jahren habe ich ein kultur- und medienwissenschaftliches Buch über Vampire veröffentlicht und dieses Forschungsgebiet augenzwinkernd Vampirologie genannt: „ein Theo-loge beschäftigt sich mit Gott, ein Psycho-loge mit der Psyche, ein Vampiro-loge mit Vampiren“, habe ich im Vorwort dazu geschrieben. Bei Lesungen aus dem Buch werde ich noch immer gefragt: „Wieso sind Sie Vampirologe geworden?“ Meine Standard-Antwort darauf: „Weil ich als Kind immer einen Zwirnsfaden mit einer Knoblauchzehe um den Hals tragen musste. Meine Mutter war davon überzeugt, dass ein Knoblauch-Halsketterl vor allerlei Krankheiten schützt.“ 
Der Knoblauch und die Semiotik des Vampirismus haben in diesem Blog schon eine Rolle gespielt, dazu werden auch noch mehrere Posts folgen.

Nun schreibe ich einen Blog über Mediensemiotik. Semiotik bedeutet Zeichentheorie, Zeichenwissenschaft; früher hat man statt Semiotik auch Semiologie gesagt. (Auf Unschärfen und Überlappungen der babylonischen Terminologie der Zeichentheorie werde ich in späteren Posts noch genauer eingehen). 
Ich vermute, dass auf die Vampiro-logie-Frage nun die Semio-logie-Frage folgt: warum sind Sie Semio-loge geworden? Meine Standard-Antwort wird lauten „Weil mein Cousin Otto hieß und meine Mutter eines Tages ein großes A auf unseren alten Opel geklebt hat“.
(Freud würde befriedigt feststellen, dass ich nun schon zwei Mal meine Kindheit und meine Mutter als Ursache für meine wissenschaftlichen Interessen erwähnt habe. Freud als Zeichenleser wird in diesem Blog immer wieder behandelt werden.)

Wenn ich an den Tag zurückdenke, an dem meine Mutter das A, das von einem schwarzen Kreis umgeben war, neben die schwarze Nummerntafel auf unseren Opel geklebt hat, ersteht in meiner Erinnerung eine ländliche Welt romantischer Naivität ohne Smartphones, Wikipedia und Spraydosen, die viel mehr als 50, 60 oder 100 Jahre entfernt erscheint.

Das A im Kreis hat damals in meinem Gehirn ist ein semiotisches Chaos und eine Serie typischer Warum-Fragen ausgelöst: "Warum müssen wir ein A auf unser Auto kleben." – „Weil wir nach Deutschland fahren“ – "Warum?" -  „Weil wir mit dem Onkel nach Traunstein  fahren wollen.“ – „Warum?“ Dieses warum enthielt gleich drei Fragen: "Warum ein A auf den Opel? Warum vom Traunstein nach Traunstein? Warum mit dem Onkel? "- "Weil der Onkel dort einen Kriegskameraden besuchen will."

Wir wollten also mit meinem Onkel einen Ort in Deutschland besuchen, der so hieß wie der Berg, den ich jeden Tag sah. Merkwürdig. Ich war noch nie in Deutschland gewesen und hatte überhaupt die nähere Umgebung von Gmunden am Traunsee noch nie verlassen. Dass wir vom Traunstein nach Traunstein fahren wollten, kam mir so vor, als hätte ich plötzlich zwei Cousins, die beide Otto hießen und Cousin Otto ging mir ohnehin seit Tagen im Kopf um. Während ich über Otto nachdachte, hörte ich meine Mutter: „In Deutschland brauchen wir ein A auf unserem Auto, sonst dürfen wir nicht einreisen.“ „Warum?“ -„Als Zeichen dafür, dass wir aus Österreich sind!“- „Warum picken wir dann nicht ein Ö auf den Öpel?"- "Selber Öpel" zischte meine Mutter und fuhr freundlich fort: „Weil A für Austria steht; das ist Englisch für Österreich, denk doch an die Traktoren, auf denen groß Made in Austria steht und die Mähdrescher mit Made in Germany." Stimmt, ich hatte tatsächlich bei den Bauern solche Maschinen gesehen, das Made in Germany auf den Mähdreschern war riesengroß.

Während der Fahrt nach Deutschland lenkten mich die Mercedes und Porsches, die an unserem Opel vorbeiflitzten, vom "A für Österreich" ab. Aber nur kurz. Je näher wir der Grenze nach Deutschland kamen, desto mehr überholende Autos hatten ein D aufgeklebt: D für Germany? Warum durften „die Deutschen“ ein D auf ihr Auto kleben und wir Österreicher mussten ein A aufkleben? Warum durften wir kein Ö aufkleben? Warum müssen die Deutschen kein G aufkleben?
Ich fand das unfair, sagte aber nichts, weil gleichzeitig mein zeichentheoretisches Otto-Problem wieder akut geworden war. Ich hatte meinen Cousin Otto noch nie gesehen, aber ich wusste, dass es in der Familie meines Onkels, der heute mit uns im Auto saß, immer zu einem lautstarken Streit kam, wenn Otto auch nur erwähnt wurde. Mein Onkel brüllte dann oft, dass er seinen Stiefsohn Otto rauswerfen wollte.

Ein paar Wochen vor unserer Fahrt nach Deutschland hatte ich auf einer Bootshütte am Traunsee, die man von der Bundesstraße sehen konnte und an der wir immer vorbeifuhren, wenn wir meinen Onkel besuchten, plötzlich die Worte „OTTO RAUS“ in riesengroßen weißen und beinahe liebvoll gemalten Buchstaben gesehen. Mir fiel das Herz in die Hose, denn ich bezog sie auf meinen Cousin, eine andere Erklärung kam mir gar nicht in den Sinn. Noch mehr entsetzt war ich, als OTTO RAUS innerhalb weniger Tage auf immer mehr Häuser- und Plakatwänden auftauchte, wo diese Aufforderung von Tausenden Autofahrern jeden Tag gesehen wurde.
Ich wollte meine Eltern oder gar meinen Onkel, den ich für den Urheber hielt, nicht danach fragen, weil es wegen Otto ohnehin immer Streit gab. Am besten, man erwähnte seinen Namen nicht. Ich war zudem froh, dass nicht RAINER RAUS an den Wänden stand, Grund genug dafür hätten meine Eltern gehabt.

Während der Fahrt nach Deutschland kamen mir erste Zweifel daran, dass mein Onkel der Autor der OTTO RAUS-Parole war, weil auch die zahlreichen Brücken, die sich über die Westautobahn ziehen, mit großen OTTO RAUS –Lettern verziert waren. Mein Onkel schien "sein Werk" zu ignorieren anstatt stolz darauf zu sein. Nachdem wir wieder einmal an einem großen OTTO RAUS vorbeigefahren waren, sagte mein Onkel im Auto, er sei froh, endlich mal in dieser schönen Gegend zu sein, - woraus ich schloss, dass er entweder log und absichtlich ablenkte - oder meine Otto-Autoren-Theorie doch nicht ganz stichhaltig war. 

Fortsetzung: wie es mit dem A und dem O(tto) in Deutschland weitergeht, folgt im nächsten Post.

P.S:
Sollte mein Cousin Otto, mit dem ich auch später nie persönlichen Kontakt hatte, diesen Blog lesen, so möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich ihn nur vom Hörensagen kannte und ihm nicht unterstelle möchte, dass sein schlechter Ruf gerechtfertigt war. 

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