Mittwoch, 10. Oktober 2012

BMW, Finding Forrester und der rosa Elefant


Wie im letzten Post erwähnt, haben mir meine auto(=KfZ)-biographischen Reminiszenzen keine Ruhe gelassen. So ist mir Finding Forrester (USA 200) wieder eingefallen, Gus Van Sants Film über den schwarzen Teenager Jamal Wallace, der sich mit dem völlig zurückgezogen lebenden Schriftsteller William Forrester befreundet; der Name dieses großstädtischen Einsiedlers deutet an, dass er am liebsten im Wald (forest) leben würde.
Finding Forrester spielt mit den Mythen, die sich um den Superstar des Versteckspiels J.D. Salinger ranken, dessen Catcher in the Rye jedes amerikanische Kid in der Pubertät bzw. der Highschool lesen "muss". Thomas Pynchon und der alte Anarchist B. Traven gehören ebenfalls in diese Kategorie der Kunst=Privatleben=Öffentlichkeits-Verweigerer, die ihre Spuren verwischen, um sich den Fans, Journalisten und lästigen Literaturwissenschaftern zu entziehen. Spuren-Verwischen ist auch eine semiotische Tätigkeit.

Als ich Finding Forrester vor Jahren gesehen habe, ist mir die Szene aufgefallen, in der der junge Schwarze über die Bedeutung des BMW-Logos "doziert". Wenn ich mich richtig erinnere, behauptet er, dass das Blau-Weiß des Logos die durch den rotierenden Propeller eines Kriegsflugzeuges gewirbelte Luft vor dem Hintergrund eines blauen Himmels abbilde. Mir war das damals neu; ich wollte seine Theorie sofort überprüfen - und habe darauf vergessen. Diese Recherche hole ich jetzt nach.
Offenbar ist an der ikonischen Interpretation, die Jamal Wallace im Film äußert, "was dran".
Wie so oft beim Zeichenlesen existieren jedoch mindestens zwei Theorien der richtigen Lesart, eine Interpretation, die die ikonische (abbildende) Ebene betont, und eine indexikalisch-symbolische Interpretation, die sich auf direkte Spuren und traditionellen Ge-brauch bezieht.
Die indexikalisch-symbolische Theorie besagt, dass das Blau-Weiss des BMW-Logos dem Blau-Weiss der traditionelle bayerischen Rautenflagge entnommen ist, immerhin ist BMW die Abkürzung für Bayerische Motoren Werke. Die ikonische Theorie verweist hingegen auf den durch einen Flugzeug-Propeller hervorgerufenen Sinneseindruck, der im Logo abge-bild-et werde.

Die Frage ob nun die bayerischen Farben weiß-blau oder die Kombination"wirbelnde weiße Propeller-Luft vor blauem Himmel" tatsächlich hinter dem Logo stecken, könnte man mit "Beides stimmt" beantworten. Im Kriegsjahr 1942 wurde der historisch-politischen Lage entsprechend in der BMW-Werkszeitschrift dem Propeller der Vorzug vor dem Freistaat Bayern gegeben: „Ein glücklicher Zufall will es, daß diese weiß-blaue Luftschraubenspiegelung im BMW Zeichen auch gleichzeitig zum Symbol seiner bayerischen Herkunft wurde.“ Kriegsflugzeuge sind damals Absicht, Bayern ein Zufall.

Sechzig Jahre später wurde diese Perspektive offiziell zurechtgerückt. In der BMW-Zeitschrift Mobile Tradition Live findet man 2005 rund um obiges Zitat einen Artikel, der zeigt, dass der ikonische Propeller-Mythos zwar von BMW bereits in den 1920er Jahren selbst erdacht und verstärkt propagiert wurde, um die Chancen für BMW-Flugzeugmotoren zu erhöhen, dass BMW jedoch schon lange vorher das blau-weiße Logo mit den Farben der Rautenflagge– aber noch ohne die in Kriegszeiten so perfekt dazupassende Geschichte – verwendet hatte.

Wer beide Erkärungen kennt, wird bei jedem BMW auch an Kriegsflugzeuge denken "müssen", weil unser Gehirn eben so gebaut ist, dass es mit Verboten und Verneinungen nicht gut umgehen kann: Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten!

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