Donnerstag, 18. Oktober 2012

Die Göttin der Morgenröte


Meinen nächsten Posts widmen sich semiotischen Analysen im Zusammenhang mit der Zeit und Zeitmessung; es wird um Uhren und Kalender gehen. Auch in diesem Kontext bleibt  mein Blog noch rot. Der Übertitel für die nächsten Tage lauten: „Zum Kuckuck: Flashmob, Firmung, Morgenröte“. Heute schreibe ich in der Morgenröte über die Morgenröte; die Sonne geht soeben auf. 
Wir sagen „die Sonne geht auf“ obwohl wir wissen, dass die Erde um die Sonne kreist: in Wirklichkeit „geht die Erde unter“ die Sonne, wenn wir sagen, die Sonne „geht auf“ - und zu – wie Ernst Jandl sprachspielerisch ergänzt hat.
So geben wir im alltäglichen Sprachgebrauch dem Schein (= Sonnenaufgang) den Vorzug vor der Wahrheit („Untergang“ der Erde).

Im Post über Benno Ohnesorgs Ermordung habe ich erwähnt, dass sich das „krumme Ding“ in der Krummen Gasse Nr. 66 (über 666 werden wir auch noch semiotisch reden müssen, auch: and get your kicks on route 66) zugetragen hat. Auch heute geht es um Namen.
Von den vermutlich Tausenden Panzerkreuzern der sieben Weltmeere sind nur zwei global berühmt/berüchtigt geworden und geblieben: die Potjemkin (Schiffe sind weiblich) und die Aurora
Aurora ist – es könnte nicht schöner sein - die Göttin der Morgenröte, Aurora ist auch der Name des Kreuzers, der in der Nacht zum 7. November 1917 mit einem Schuss das Zeichen für den Sturm auf das Winterpalais in Sankt Petersburg gegeben hat. Mit diesem Signal (Mander, ‚s isch Zeit! – darf man Andreas Hofer und Trotzki in einem Atemzug erwähnen?) begann der Legende nach die russische Oktoberrevolution.

Welcher Name als Aurora (Morgenröte) könnte besser zu diesem Ereignis passen? Tatsächlich wurde der „zeichengebende“ Panzerkreuzer jedoch – wenn man wikipedia trauen darf – schon beim Stapellauf im Mai 1900 auf den symbolisch aufgeladenen Namen Aurora getauft, lange bevor die Morgenröte den Startschuss für die rote Revolution geben sollte.

Dass die 1917er-Revolution Oktoberrevolution genannt wird, obwohl das Winterpalais nach unserem Kalender erst im November erstürmt wurde, hängt mit dem Unterschied zwischen dem Julianischen (von Julius Caesar) und dem Gregorianischen (nach Papst Gregor XIII) Kalendersystem zusammen: „Bei uns“(Ich assoziiere "Gott-sei-bei-uns" - wieder ein Thema für einen Post) ist schon November, wenn „bei den Russen“ noch Oktober ist. Wir werden alljährlich an diese Differenz erinnert, wenn uns die Medien am 7. Jänner darauf hinweisen, dass nun auch „die Russen“ Weihnachten feiern, weil bei ihnen erst der 25. Dezember ist. So wird Weihachten zur Eselsbrücke für den Termin der Oktober/Novemberrevolution.

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