Freitag, 12. Oktober 2012

Freud on Facebook / Zauberlehrling 2.0 / Adornos Traumloser Traum


Eigentlich habe ich ja versprochen, heute mit den Roten und der roten Ampel fortzufahren, mit Mao, Horst Mahler und dem Straßenverkehr. Stattdessen musste ich ein work in progress für einen Projektantrag aktualisieren. Wie bei mir zu erwarten geht es auch dabei um die Macht der Zeichen, die sich zwischen die Wirklichkeit und unsere Erfahrung drängen. 

Mit dem für ihn typischen Selbstbewusstsein schreibt Freud 1917 in „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, dass unsere narzisstische Eigenliebe drei schwere Kränkungen erfahren habe:

1)    Die kosmologische Kränkung, die uns der Illusion beraubt habe, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums und „alles drehe sich um uns“.
2)    Die biologische Kränkung, die uns von unserem Podest als Herrscher über das Tierreich gestürzt und als „nackte Affen“ entlarvt habe.
3)    Die psychologische Kränkung, die uns nun durch ihn selbst, dem Darwin des Unbewussten, zugefügt werde. Der Mensch sei, um es in Freuds mittlerweile geflügelten Worten auszudrücken, nicht einmal „Herr in seinem eigenen Haus“. Medienkritiker/Klageweiber aller Zeiten stimmen im Chor ein: wir herrschen nicht, wir werden von den jeweils neuen Medien beherrscht.
Tatsächlich lässt sich von den Freud’schen Kränkungen eine direkte Linie zu einer vierten Kränkung ziehen, die man semiotische Kränkung nennen könnte. Wir Menschen haben komplexe analoge und digitale Zeichensysteme entwickelt (Sprache, Schrift, Film, TV, Internet), die sich von uns abgelöst und sich selbst-ständig gemacht haben. Im Gegenzug werden wir unselbständig und lassen uns von den Geistern, die wir gerufen haben, beherrschen. Empört hatte Theodor W. Adorno schon angesichts des frühen Fernsehens festgestellt, dass semiotische Systeme als „traumloser Traum“ (schon wieder Freud!) unser Bewusstsein von allen Seiten umstellen, sodass dem kritischen Blick und der unverstellten Erfahrung keine Lücke offen bleibe. Diese Diagnose stimmt heute vielleicht mehr denn je: wir fallen unseren Liebsten nicht mehr um den Hals, sondern schicken ihnen „digital hugs“, virtuelle Umarmungen.
Neue Medien erscheinen der Medienkritik seit jeher als „Ausgeburt der Hölle“, wie Goethes Zauberlehrling entsetzt ausruft, als er einen Besen in einen Knecht verwandelt hat, der ohne Unterlass Wasser anschleppt, bis das ganze Haus zu ersaufen droht: Wasser als Kommunikationsmittel, als Kanal, als Überfluss; wir wollen mehr, immer mehr, bis wir im Meer/Mehr ersaufen.
Bei Goethe gibt es jedoch noch den „alten Meister“, (als Magier, ÜBER-ICH, Vernunft, Tradition, Zensur, Schranke, Wissen, Macht), der den Geisterbesen in die Schranken weist, aber heute ist – abgesehen von radikal-fundamentalistischen Konzepten – kein Meister vorstellbar, der uns vor dem Medien-mehr-meer in Schutz nehmen könnte. Mit „Besen, Besen, seid’s gewesen!“ schickt Goethe die aufmüpfigen Sklaven zurück in die Ecke. Wer könnte heute mit „Browser, Browser, ausgebrowst!“ dem Internet Einhalt gebieten?
Gespannt, gebannt und gefesselt hocken wir – wider besseres Wissen - vor dem Bildschirm, um die drei klassischen Kränkungen wieder rückgängig zu machen.
1)    Wie die Spinne im Netz sitzen wir im Zentrum des Internets. Es dreht sich doch alles um uns, wir haben alles im Blick und im Griff, - glauben wir.
2)    Wie der König der Tiere spielen wir vor dem Bildschirm genüsslich mit der Maus.
3)    Vor dem Schirm wollen wir „Herr im eigenen Haus“ sein, in unserer Freizeit wollen wir (uns) freisurfen.

„Werch ein Illtum“, wie Ernst Jandl gesagt hätte. Obwohl wir durch unser medienkritisches ÜBER-ICH, von Plato über Günther Anders’ Die Antiquiertheit des Menschen bis zur Digitalten-Demenz-Kassandra Manfred Spitzer, wissen, dass es für uns als Individuen und als Gesellschaft nicht gut sein kann, Tag und Nacht auf die digitalen Zauberspiegel zu starren, zieht „ES“ uns doch immer wieder vor die Bildschirme, wo wir das bunt flirrende Kaleidoskop mit Maus- und Fernbedienungs-klicks anfeuern: aus dem Homo sapiens ist im Jargon der Kulturkritiker längst der „Homo zappiens“ geworden, aus den „Litterati“ die „Twitterati“, die remote control (engl. für Fernbedienung) kontrolliert uns aus der Ferne, sonst würde es uns nicht so schwerfallen, abzuschalten. 
Es  kommt mir vor, als hätte Gott/Big Brother im künstlichen Paradies das Gebot ausgegeben: alle Knöpfe dürft ihr drücken, - nur den AUS-Knopf nicht. Und wir halten uns daran! (Wo bleibt die Schlange, wo ist Eva?)

Ein Blick auf die Mediengeschichte zeigt, dass rationale Medienkritik am falschen Hebel ansetzt. Wäre die Vernunft am Ruder, wäre der Finger am Off-Knopf der Fernbedienung. In einer vernünftigen Welt wäre das Fernsehen schon längst ausgestorben, stattdessen ist es immer noch die mit Abstand beliebteste Freizeit (Frei-Zeit!) – Beschäftigung.

Freud fasst das Verhältnis von ICH und ES in ein wunderbares Bild: „Wie dem Reiter, will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrigbleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt auch das ICH den Willen des ES in Handlung umzusetzen, als ob es der eigene wäre.“ (S. Freud: Das ICH und das ES, 1923).
Die Freud’schen Kränkungen bleiben auch im Global Village spürbar, die vierte Kränkung macht uns laut rationaler Medienkritik chronisch krank: viele User haben die Kontrolle über die Freizeit verloren, der Wiederholungszwang regiert im Netz. User ist im US-Slang die gängige Bezeichnung für “Drogensüchtige“, in der westlichen Welt werden immer mehr Entzugs-Kliniken für Internet-User aufgebaut.

Die Grundlage für den magischen Sog der modernen Medien liegt offenbar in unserem Triebsystem, daher müssen wir auch dort den Schlüssel zur Befreiung suchen, - wenn es noch eine Chance auf Befreiung geben soll. Es muss doch auch andere Mittel geben, als vom Pferd abzuspringen und – wie Spitzer vorschlägt, den Fernseher aus dem Fenster zu werfen und die Computer zu verbannen.
Als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen ein Gedanke von Jacques Lacan, der in einem Seminar zuerst Orwells Newspeak-Parole „Freedom is slavery“ zitiert, auf Französisch: La liberté c’est l’esclavage. Dann spielt Lacan mit dem „lavage“ (= waschen) von esclavage weiter und empfiehlt uns „un lavage de cerveau“ – eine Gehirnwäsche, damit wir aus dem traumlosen Traum aufwachen und die Lücke finden, bevor es zu spät ist.

Brainwashing/Brainstorming, um zu erfahren, was dieses ES eigentlich ist, das uns SPELLBOUND vor den Bildschirmen hocken lässt: welche Bedürfnisse, welches Begehren, welche Belohnungen? Und: was fürchten wir zu verlieren, wenn wir unsere Ketten sprengen?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen