Samstag, 6. Oktober 2012

"Just one more thing": Kain und Inspektor Columbo


Stellen wir uns vor, der Herrgott trüge einen zerknautschen Trenchcoat, würde Zigarre rauchen und hätte ein Glasauge, kurz: Inspektor Columbo müsste den „Mordfall Abel“ auflösen. Columbo hätte Kain den Mord mühsam mit einer lückenlosen Zeichenkette nachweisen müssen. Auf Kains freche Antwort „Ich bin nicht der Hüter meines Bruders!“ hätte Columbo in seiner bekannten Art so lange nachgebohrt, bis sich die Spuren des Mordes zu einer logischen Geschichte fügten: "Just one more thing" —"There's something that bothers me"—"One more question.“ Der Trenchcoat-Detektiv hätte sich im Gegensatz zum Herrgott nicht darauf berufen können, dass das Blut Abels „zum Himmel schreit“.

Der Herrgott ist kein Detektiv im literarischen Sinn, obwohl eine etymologische Ableitung des Wortes „Detektiv“ vom lateinischen tectum (=Dach, Decke) direkt zum Allsehenden Auge Gottes führt: der Detektiv nimmt das Dach bzw. die Decke der Häuser ab und schaut von oben zu, was wir in unseren Häusern und Zimmern so treiben. Im Treiben steckt der Trieb. Von oben kann Gott das Heimliche und Unheimliche in unseren Heimstätten sehen; mehr zum (Un)heimlichen in einem der nächsten Freud-Posts.

Der Dr. Watson des lieben Gottes (=der Erzähler der Bibel, nicht der Autor) gibt uns denselben Informationsstand, den auch Gott selbst hat: wir sind beim Mord an Abel live dabei und kennen den Täter. In der klassischen Columbo-Situation kennen wir ebenfalls den Täter, wir Zuschauer wissen jedoch mehr als Columbo, dem wir - auf dem Polster unseres Informationsvorsprungs - gespannt zuschauen, wie er die Zeichen liest.

Die Spannung kommt daher, dass wir sehen wollen, wie Columbo sich durch seine semiotischen Fähigkeiten immer wieder genial aus der Affäre zieht. Wer außer Columbo (bzw. seinen Drehbuchautoren) käme auf die Idee, das Foto eines Autolenkers, der in eine Radarfalle geraten ist, mit anderen Foto aus derselben Radarkamera, die zum selben Zeitpunkt aufgenommen worden sind, zu vergleichen. Durch den Vergleich der Fotos wird er auf den fehlende Schatten im „Gesicht“ des Verdächtigen aufmerksam und erkennt, dass der Fahrer des Wagens ein lebensgroßes – zweidimensionales - Portraitfoto des Verdächtigen als Maske getragen hat. Die semiotisch gute Idee des Verdächtigen, ein mit Zeitstempel datiertes fotografisches Zeichen seiner selbst als Beweis für seine Anwesenheit an einem fernen Ort zu verwenden, kann der semiotischen Brillanz Columbos nicht standhalten: eine zweidimensionale Nase wirft keinen Schatten, das Alibi des Verdächtigen platzt. 


Da der Herr immer alles weiß, fehlen in der Kain-und-Abel-Story der Reiz des Rätsels und das voyeuristische Vergnügen der Lösung. In dieser Hinsicht hat die Kain-und-Abel-Story ein semiotisches Defizit, da wir es lieben, MeistersemiotikerInnen beim Lesen von Zeichen zuzusehen. (Das semiotische Defizit der Heiligen Schrift beziehe ich nur auf den fehlenden Detektiv in dieser Szene, in anderen Situationen der Bibel wimmelt es nur so von Meistersemiotikern, denken wir nur an das Mene Tekel oder an Joseph als Traumdeuter.)
Die vielleicht überraschende  Behauptung, wir „lieben es, MeistersemiotikerInnen zuzusehen“, ist leicht zu beweisen; ein Blick in das Kino- und Fernsehprogramm sowie die Bestsellerlisten genügt: Dr. House, Cal Lightman, Dr. „Bones“, Robert Langdon, Sherlock Holmes, Columbo, Hennig Mankells Wallander etc.
Damit kommen wir vom direkten Semiotischen Blick auf eine Kommunikationssituation (Kain, Abel, der Herrgott) und auf die Darstellung (Wie schaut das Kainszeichen auf Bildern aus) auf eine dritte mediale Ebene, auf das Vergnügen, sich mit Semiotikern zu identifizieren. Mehr dazu im nächsten Post.

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