Sonntag, 14. Oktober 2012

Kultur und Natur: Delirien und Physiologie


Ich lasse mich noch immer vom Verkehrsstrom treiben und nehme heute die Verkehrsampel beim Wort: die Griechen sagen Sematodhotes, weil diese Vorrichtung ein „semeion“ (= Zeichen, daher auch: Semiotik) gibt, auf Italienisch heißt die rote Ampel semaforo rosso, der rote Zeichenträger, was sich auch auf „semeion“ sowie auf das ebenfalls griechische „pherein“ (= tragen vgl. Amphore = Gefäß) zurückführen lässt. 
Spätestens jetzt sollte jedem Christopher und Christof bewusst geworden sein, wen er im Namen und symbolisch auf der Schulter trägt.
Dass die Engländer cool traffic light sagen und die Franzosen feurig feu, habe ich schon erwähnt. Ich vermute, dass man das Französische feu bis zu einer griechischen Amphore zurückverfolgen kann, die mit Öl gefüllt war: eine Amphore ist als Gefäß ein „Inhaltsträger“ (pherein). Wenn man sie mit Öl füllt, das man entzündet, wird sie zur Öllampe oder eben zum Signalfeuer. Feuer und Rot, feuerrot assoziieren wir intuitiv mit Blut und Gefahr, wenn wir rot sehen, sehen wir rot!

Man darf trotz aller assoziativen Codes und etymologischen Delirien nicht vergessen, dass auch wahrnehmungs-physiologische Gründe dafür sprechen, Rot und Grün als Signalfarbe zu verwenden. Sehen ist ein äußerst komplexes Phänomen, daher kann ich hier kaum mehr als Andeutungen geben:
a) Unser Rot/Grünsystem arbeitet offenbar besonders schnell, schneller als z.B. das Blau/Gelb-System.
b) Rot sticht aus der natürlichen Umgebung besonders hervor, so als wäre das menschliche Auge darauf programmiert, Rot besonders gut zu erkennen.
c) Obwohl wir rasch und empfindlich auf Rot reagieren, werden wir davon nicht geblendet. Deswegen ist z.B. die Kabinenbeleuchtung für die Navigation auf Schiffen rot. So kann man die Instrumente und Karten lesen und ist nicht völlig nachblind, wenn man dann aufs dunkle Meer hinausschaut.

Man hätte theoretisch auch Himmelblau oder Hellrosa oder Pink/Gelb -gestreift für die Bedeutung „STOP“ in Verkehrsampeln verwenden können, aber man müsste dafür einige Wahrnehmungs- und Assoziations-Nachteile in Kauf nehmen oder sich wie Rot-Grün-Sehschwache an anderen Kriterien (Position des Signals) orientieren. 
Die Verkehrsampel, wie wir sie kennen, erscheint nach diesen Überlegungen als gelungene Verbindung von Kultur und Natur. Das macht die Versuche, dieses Signal-System auf dem Kopf zu stellen (hellörige assoziieren hier schon Karl Marxens Programm, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen) besonders faszinierend. Dazu mehr im Montag-Mao-Post.

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