Samstag, 17. November 2012

Venus und die Voodoo-Puppe


In der Praxis ist Voodoo ganz einfach: wir nehmen eine Puppe, die dem Menschen nachgebildet ist, dem wir schaden wollen, und stecken eine oder mehrere Nadeln hinein – basta! 
Zeichentheoretisch ist die Angelegenheit komplizierter. Wenn wir Voodoo-Puppen semiotisch verstehen wollen, müssen wir zusätzlich zu den Saussure’schen Begriffen signifiant und signifié auch die wirkliche Welt in die Zeichentheorie aufnehmen. Wir machen dazu einen Umweg über die Venus, der sich aus mehreren Gründen lohnt.

You don’t have to be a rocket scientist - man muss nicht Semiotiker sein, um auf die Idee zu kommen, dass bestimmte Zeichen (wie z.B. Eigennamen) nicht nur aus zwei Aspekten, Teilen oder Polen bestehen, sondern aus drei. Die Saussure’sche Unterscheidung zwischen signifiant und signifié erklärt zwar, dass man beim gesprochenen oder geschriebenen Zeichen /Venus/ eine formal-signifikante und eine inhaltlich-signifizierte Ebene unterscheiden kann, lässt aber keinen Platz für die wirkliche Venus, die als Stern vom Himmel leuchtet.
Die anderen wirklichen Venusse (? – es gibt meines Wissens keine Mehrzahl), die Venus neben mir, die Bilder der Venus, die an den Wänden der Museen hängen, und Venus Williams lassen wir vorerst weg; die semiotische Sterndeuterei ist auch ohne sie kompliziert genug. Konzentrieren wir uns auf den Planeten als das mit dem Zeichen gemeinte und daher verbundene reale Objekt. Damit wir wissen, ob wir vom Objekt oder vom Konzept sprechen, müssen wir uns auf einen Begriff einigen, mit dem wir nur die realen Objekte, die von Zeichen bezeichnet werden, bezeichnen (ja, das sind die Tücken der Metasprache).
C. S. Peirce würde den Planeten Referent nennen, was im Kontext der englischen Sprache relativ leicht  zu verstehen ist: der Planet Venus ist das Objekt, auf den sich das Zeichen Venus referentiell bezieht (engl: to refer to).
Der deutsche Semiotiker, Semantiker und Logiker Gottlob Frege hat für die bezeichneten Objekte hingegen den Ausdruck Bedeutung vorgeschlagen und damit viel zur babylonischen Sprachverwirrung beigetragen.

Laut Frege wäre das reale und sinnlich wahrnehmbare Objekt, das ich meine, wenn ich Venus sage, die (Achtung anti-intuitiv!) Bedeutung des Zeichens Venus. Die Bedeutung im Sinne Freges ist ein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand. Es wäre im Sinne einer Eselsbrücke vielleicht sinn-voller gewesen, den sinnlich wahrnehmbaren Aspekt des Zeichens Sinn zu nennen, aber bleiben wir bei der historisch erfolgreichen terminologischen Konvention Bedeutung = Objekt: wir können das Objekt bei gutem Wetter und entsprechender Konstellation der Umlaufbahn am Abend und am Morgen sinnlich am Himmel wahrnehmen. Wenn Venus am Abend nach Sonnenuntergang sichtbar wird, nennen wir sie Abendstern, wenn sie am Morgen wieder vor der Sonne auftaucht, nennen wir sie Morgenstern. Von der Erde aus gesehen ist der Planet Venus immer in der Nähe der Sonne, er geht mit ihr auf und unter, daher können wir ihn nur in der Dämmerung und nie z.B. um Mitternacht sehen.

Im alten Weltbild der griechischen Mythologie ist der Gedanke manifest, dass es sich bei Abend- und Morgenstern um zwei unterschiedliche Planteten handeln müsse. In der Antike heißt der Abendstern Hesperos, wovon sich – über das lateinische vespera - das deutsche Vesper (Abendgebet, Abendessen) ableitet. Der vor der Sonne aufgehende Morgenstern wurde Phosphorus  genannt, der Lichtbringer oder Lichtträger, - lateinisch Lucifer.
Da es sich trotz aller konzeptuellen und konnotativen Unterschiede zwischen Abendstern und Morgenstern, zwischen Hesperos und Phosphorus um dasselbe physische Objekt handelt, sagt Frege: die Bedeutung von Abendstern und Morgenstern ist dieselbe, der Sinn ist nicht derselbe. 

Ein perfektes Beispiel, um den Begriff der Bedeutung zu illustrieren,  – aber eben nur fast: manchmal ist nämlich der Merkur Abend- und Morgenstern. In diesen Fällen gilt zwar: „die Bedeutung von "Abendstern" (Merkur) und "Morgenstern"(Merkur) ist „dieselbe“, aber es gilt auch: Die Bedeutung von „Abendstern und Morgenstern (Venus)“ ist nicht dieselbe wie die Bedeutung von „Abendstern und Morgenstern (Merkur)“.
Wenn ich die astronomischen Quellen im Netz richtig deute, dann fungiert derzeit noch die Venus als Morgen- und Abendstern; Ende November wird dann Merkur ihre Rollen für ein paar Tage übernehmen.

Zurück zur Voodoo-Puppe: Es ist wichtig zu wissen, was jeweils die konkrete Bedeutung im Sinne Freges ist, schließlich müssen wir die Voodoo-Nadel in die richtige Puppe stechen, wenn wir die Venus (und nicht den Merkur) treffen wollen.  

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