Samstag, 29. September 2012

Kain auf der Couch


Im Gegensatz zur theologischen geht es bei einer anthropologischen Betrachtungsweise um das Verhältnis der Menschen zueinander, das schon bei den Römern auf den Begriff „homo homini lupus“ gebracht wurde: der Mensch verhält sich seinen Mitmenschen gegenüber wie (eigentlich: „schlimmer als“) ein Wolf. Ob dieses bestialische (auch hier gilt zu Ehrenrettung der Tiere: „menschliche“) Verhalten in unserer Natur liegt oder ob eher die sozialen Umstände, die Erziehung, die gute Gelegenheit und der Druck der Verhältnisse für Verbrechen und Gewalt verantwortlich sind, ist umstritten, wie die Nature-Versus-Nurture – Debatte zeigt.
Kain und Abel waren – ohne Verwaltungsapparat, Beamtentum und Staat – nahe am Naturzustand, den man sich paradiesisch oder höllisch vorstellen kann. War Abel der „edle Wilde“ von dem Rousseau geträumt hat? War Kain der „wilde Wilde“, vor dem uns Thomas Hobbes und Sigmund Freud warnen?
Psychologische Experimente wie das Milgram-Experiment und das Stanford-Prison-Experiment lassen vermuten, dass (fast) jeder unter Druck zum Monster wird, Kain stand zweifellos unter psychischem Überdruck.
Wenn man sich fragt, ob Kain ein geborener Verbrecher war, landet man einerseits im Spannungsfeld der Genetik zwischen Eugenik (= Züchtung eines schöneren und besseren Lebens) und Euthanasie (= schöner Tod, negativ formuliert: Ausrottung minderwertigen Lebens) und andererseits der Kriminalpsychiatrie und –psychologie. Aber die Frage nach dem geborenen Verbrecher führt auch direkt zu einer semiotischen Frage: kann man von außen (= am Körper) sehen, dass innen (= im Geist) ein Ungeheuer steckt? Gibt der Körper des Bösen den Mitmenschen Zeichen? Die Sprengkraft dieser Frage ist offensichtlich, trotzdem bleiben wir noch kurz bei einer psychologischen Analyse.
Mit Sigmund Freud, der ebenso wie Sherlock Holmes in diesem Blog immer wieder als Zeichenleser auftauchen wird, womit nicht behauptet werden soll, Freud lese alle Zeichen richtig bzw. ich könnte alle Zeichen richtig à la Freud lesen, könnte man auf Kains Todestrieb verweisen, der sich als Destruktionstrieb nach innen (gegen Kain selbst) und nach außen (gegen Abel) wenden kann.
Es ist zweifellos selbstzerstörerisch, wenn man im Angesicht eines allwissenden Gottes den eigenen Bruder erschlägt. Dazu kommt, dass dieser Mordfall strukturell ein Locked Room Mystery ist. Zudem liegt die Lösung auf der Hand, da niemand „von außen“ den Mord begangen haben kann. Wie bereits erwähnt, gibt es außer Adam, Eva, Kain und vielleicht noch der Schlange keine möglichen Täter. Eine Leiche und ein Motiv gibt es sehr wohl: iratusque – und Kain war zornig.
Man kann sich gut in die Gefühlslage von Kain versetzen, wenn man die Situation z.B. in den Lift eines Hotels verlegt. Stellen wir uns vor, zwei Brüder wollen mit dem Lift in den 10. Stock fahren. Sie sind allein im Lift, bis er im 5. Stock anhält und – völlig unerwartet – der geliebte Großvater der beiden einsteigt. Beide Brüder grüßen den Großvater herzlich und freudig überrascht: „Ich freue mich, Dich zu sehen!“ Der Alte reagiert jedoch nur auf einen seiner Enkel, den anderen lässt er „links liegen“ und blickt ihn nicht einmal an. Der Enkel, mit dem der Großvater den Dialog verweigert, wird dies zweifellos als Zeichen der Verstimmung interpretieren und selbst verstimmt bzw. gekränkt sein.

Bei der psychologischen Analyse des Mordfalls ist die Kränkung (darin steckt: Krankheit) das wichtigste Element. Kain hätte zahllose andere Möglichkeiten gehabt, seine Frustration zu bewältigen: Er könnte den Ärger in sich hineinfressen, aber dann hätten wir keine dramatische  Geschichte. Filme wie Falling Down (1993) leben davon, dass die Hauptfigur ihren Frust in Action umwandelt und auslebt.
Kain hätte den Trieb sublimieren und stattdessen eine Mordgeschichte schreiben können. Der Semiotiker Umberto Eco sagte, er habe seinen Weltbestseller Der Name der Rose geschrieben, weil er Lust gehabt habe, einen Mönch zu töten. Kain hätte Abels Tiere töten (opfern) können, um Abel zu erniedrigen. Kain hätte den Herrgott selbst attackieren können, sich stattdessen in Psychotherapie begeben, buddhistisch gelassen durchatmen oder sich einfach aus dem Staub machen. Er musste jedoch seinen Zorn auf seinen kleinen Bruder projizieren und ihn erschlagen, denn nur so kann diese Geschichte als vielschichtiges Erklärungsmodell für den Zustand der Welt herhalten.
Mittlerweile sind wir Morde so gewohnt, dass ein Mord, und sei es auch am eigenen Bruder, nicht mehr zur Unterhaltung ausreicht. Wäre Kain gegen Abel eine moderne Hollywood-Story, würde Kain als serial killer nicht nur Abel erschlagen, sondern auch Adam, Eva, die Schlange und alles, was sonst noch kreucht und fleucht. Aber dann wäre es schwierig, eine Fortsetzung zu finden.

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