Sonntag, 23. September 2012

Warum hilft Knoblauch gegen Vampire?

Willkommen zu meinem Zeichen-Blog, bei dem es um einen "semiotischen Blick" auf die Medien und vor allem die Populärkultur geht.
Zu Beginn gleich zur Frage: Warum hilft Knoblauch gegen Vampire? Warum nicht Brokkoli oder Buchstabensuppe? Diese Frage ist angesichts meines Vortrags in Lockenhaus, den ich am 19. September anläßlich des dortigen Bildhauer-Symposions zum Thema "Kreaturen der Nacht" gehalten habe, wieder aufgetaucht. Beim abendlichen Festessen wurde Knoblauch serviert.

Die Dracula-Diegese (die Welt, in der es Dracula gibt) ist voll mit magischen Zeichen:  Spiegel, die kein Spiegelbild werfen, Kreaturen, die im Sonnenlicht - in fast forward - verrotten, scheibar übermächtige Untote, die wie kleine Mädchen kreischend vor einer Knoblauchknolle zurückschrecken.
Seit vielen Jahren versuche ich, meine Antwort auf die Knoblauch-Frage "unter die Leute" zu bringen, aber in den meisten Radio- und Fernsehinterviews fällt gerade dieser Gedanke "unter den (Schneide)-tisch. Meine Antwort lautet: Knoblauch hilft gegen Vampire weil Walnüsse gegen Kopfschmerzen helfen! Oder, noch deutlicher: Knoblauch hilft gegen Vampire, weil Walnüsse gegen Kopfschmerzen helfen und weil Spargel ein biologisches Viagra ist!
Natürlich lassen sich für Knoblauch einige beinahe "naturwissenschaftliche" Argumente anführen:
Knoblauch soll blutreinigendend wirken, Knoblauch ist ein Heilmittel in der Volksmedizin, Knoblauch stinkt und so treten wir dem Blutsauger, dessen Atem ganz besonders grausam stinkt, wie wir aus Bram Stokers Dracula wissen, selbst mit stinkendem Atem gegenüber. Wir vergelten nach einem homöopathischen Prinzip gleiches mit gleichem. Aber aller diese Argumente gelten auch für Zwiebeln. Warum also gerade Knoblauch? Warum verfällt Dracula in Panik wie ein Mensch, der eine Spinnen-, Schlangen- oder sonstige Phobie hat.
Knoblauch ist weiß, das ist die Farbe der Unschuld. Eine Knoblauchknolle sieht aus wie ein Hodensack und ist daher ein ZEICHEN für die Lebensenergie. Wie wir bei Michel Foucault, Blumenberg u.a. nachlesen können, ist das Mittelalterliche Denken ganz besonders von der Idee der Ähnlichkeit besessen: was einander ähnelt, steht auch in einer Wirkungsbeziehung. Die Walnuss ist außen hart und sieht aus wie ein verkleinerter Schädel, innen finden wir ein kleines weiches Gehirn, Spargel sieht aus wie die Wirkung, die er hervorrufen soll. Wenn wir dem Untoten eine Knoblauchknolle entgegenhalten, dann halten wir ihm unsere Lebenskraft, die cojones entgegen.  Entsprechend der Mittelalterlichen Volksfrömmigkeit, in der die Kirche kein Problem darin sah, Fläschchen mit der Atemluft Jesu oder der Muttermilch Mariens zu echten Reliquien zu erklären, könnte man noch einen Schritt weitergehen: Die Farbe Jesu ist weiß. Jesus ist ein positiver Untoter, er ist aus dem Grab auferstanden und hat den Tod besiegt. Mit der weißen Knoblauchknolle halten wir den untoten Blutsaugern daher den Hodensack des Heilands entgegen. Gepaart mit dem Pfahl (dem Penis von Pan) wird das Bild eindeutig und Draculas panische Angst verständlich. Nach diesen Überlegungen wird auch verständlich, warum Brokkoli oder Buchstabensuppe diese Aufgabe nicht erfüllen können Auch die rätselhafte Szene in Polanskis Tanz der Vampire, in der ein Vampir vor einem Kruzifix NICHT zurückschreckt, lässt sich nach diesem Muster semiotisch erklären.

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