Sonntag, 22. Oktober 2017

Cypher’s Cybersteak oder Die Matrix ist das Opium des Volkes


Anlässlich der Vorbereitung eines Vortrags mit schließendem Workshop in Bern zu Grundfragen der Semiotik habe ich – wieder einmal – über The Matrix nachgedacht. Aus der Sicht der Semiotik könnte man mein spezifisches Erkenntnisinteresse so formulieren: ist es besser (oder auch nur gut bzw. akzeptabel) in einer Simulation, d.h. einer Welt, die aus Zeichen ohne reale Objekte besteht, glücklich zu sein als in der Realität unglücklich zu sein? Cypher, der Verräter aus The Matrix, gibt offen zu, lieber ein virtuelles Steak zu verzehren als real zu Hungern:
CYPHER: (…) I know that this steak doesn't exist. I know when I put it in my mouth, the Matrix is telling my brain that it is juicy and delicious. After nine years, do you know what I've realized? (...) Ignorance is bliss.
Ist Cyphers Verabsolutierung des virtuellen Lustprinzips und seine Vergöttlichung der Ahnungslosigkeit nun moralisch-politisch „richtig“ oder „falsch“? Mehr noch: WER könnte aufgrund welcher WERTE für WEN entscheiden und welche Folgen wären zu erwarten? Bekanntlich ist der Schritt von einer radikalen Ablehnung des Lustprinzips“ zur fanatischen „Prohibition“ (nicht nur alkoholhaltiger Getränke) nicht allzu weit. Lange vor dem Welterfolg der Matrix hat der Philosoph Robert Nozick diese Fragen in seinem 1974 erschienenen Werk Anarchy, State, and Utopia diskutiert. Er stellt sich (und uns) dazu eine Erfahrungsmaschine (Experience Machine) vor, die uns alle von uns gewünschten Erfahrungen ermöglichen würde, aber eben nur auf der Basis einer Illusion, d.h. in Peirce’scher Terminologie als „Pseudo-Index“, dem die physikalische Verbindung zu einem realen Objekt fehlt. Nozick, dessen Ansichten aus der libertären Massen-Medien-Skepsis der 60er-Jahre zu kommen scheinen, meint, die Menschen würden diese Maschine ablehnen, weil wir, wie er postuliert, bestimmte Dinge wirklich tun wollen und uns nicht mit der bloßen Erfahrung zufriedengeben würden, sie getan zu haben, - während wir in Wirklichkeit die Hände im Schoß gefaltet hatten.
Nozicks Argument scheint mir vor allem auf eine moralisch-sozial-politischen Ebene abzuzielen. Der „gute Mensch“ will den „hungernden Kindern“ wirklich helfen und nicht nur die für ihn (aber nicht für die Kinder) befriedigende simulierte Erfahrung machen, dass er geholfen habe. Dagegen könnte man – wenn auch zynisch – einwenden, dass es den „hungernden Kindern“ mit einer „Experience Machine“ ja freistünde, sich mit einem „Steak à la Cypher“ den Magen vollzuschlagen. Wenn Nozik schreibt, „we want to do certain things“ dann scheint das eher ein Kantianischer „moralischer Imperativ“ (Nozick ist Philosoph) denn eine soziologisch-statistische Feststellung zu sein: nicht „wir wollen etwas bewirken“, sondern, „wir sollen etwas (möglichst Gutes) bewirken wollen“.

Ein weiterer Punkt, den Nozick gegen eine freiwillige oder unfreiwillige Auslieferung des Menschen an eine Experience Machine anführt, ist für semiotisches, dialektisches und materialistisches Denken besonders interessant, da er dabei auf die jeweiligen Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft (die immer nur zeichenhaft sein kann) im Augenblick des Eintauchens in die Experience Machine hinweist. Er meint, wir müssten die Experience Machine ablehnen, weil sie uns immer nur die Erfahrung vermitteln kann, die wir uns – vor der Erfahrung – vorstellen können.

Abgesehen davon, dass Nozick hier die bewusstseinserweiternde Kraft psychedelischer Drogen verneint, ist das ist ein Argument, das eindeutig aus dem dialektischen Denken von Hegel und Marx abgeleitet ist, und folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden kann: solange ich mir selbst mein Paradies ausdenken muss, wird es immer von den Grenzen meiner Phantasie eingeschlossen sein. Man kann sich eben nur vorstellen, was man sich vorstellen kann. Oder, umgekehrt aufgezäumt: das Unvorstellbare ist unvorstellbar. In den Worten Wittgensteins lautet dieses Argument bekanntlich, „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Im Hinblick auf The Matrix ist es natürlich notwendig, auf die mögliche technologische Dynamisierung eines derartigen Denkens hinzuweisen: der Mensch könnte entsprechend intelligente Maschinen entwickeln, die sich selbst weiterentwickeln und dem Menschen mit ihm Unvorstellbaren konfrontieren.

Insgesamt scheint bei Nozicks anti-hedonistischer Ablehnung einer „Experience Machine“ auf allen Ebenen ein pädagogisch-moralischer Imperativ des „Wollen-Sollens“ durchzuschlagen: das Gedankenexperiment soll uns auf die Idee bringen, dass wir unsere Ideen in der Realität umsetzen wollen, anstatt uns in Virtuellen Realitäten und Simulation auszutoben und zu verausgaben. Den aus der Tradition der klassischen Philosophie bekannten Imperativ „Hic Rhodos, hic salta“ könnte man in diesem Kontext virtueller Realitäten und Simulationen als Nozicks „Hier ist die Realität, hier sollst Du springen wollen“ verstehen.

Angesichts der in der modernen Welt herrschenden Zustände, ist es kein Wunder, dass die Realitätsflucht (in Drogen, Süchte, Parallelwelten, virtual reality und andere Ausflüchte) zu einer Simulations-Sucht geworden ist. Die Schuld dafür beim blöden Volk zu suchen, greift zu kurz. Karl Marx schreibt in einer seiner schönsten und hellsichtigsten Passagen, in der er auch zeigt, dass er ein großes Herz hatte: „ Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“ Die Marx’sche Religionskritik an die modernen Verhältnisse anpassend könnte man seinen anschließenden Gedanken, Religion sei „das Opium des Volkes“ in die technologisch avancierte Version „die Matrix ist das Opium des Volkes“ umformulieren.

Cypher zieht sein Cybersteak dem Hunger vor, obwohl er weiß, dass er betrogen wird uns sich betrügt. Sein „ignorance is bliss“ erinnert nicht um sonst an ein religiöses Mantra.


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