Sonntag, 30. September 2012

Herrgott/Fraugott: Kain und Abel als Vegetarier und Fleischfresser



Ohne den semiotischen Blick vom Brudermord nehmen zu wollen, möchte ich die Kain-und-Abel-Story auch genderspezifisch untersuchen. Sofort fällt auf, dass – mit Ausnahme Evas, die die beiden Söhne gebiert,-  nur Männer beteiligt sind: der HERRgott, Kain und Abel sowie vielleicht der Teufel, den die Männer natürlich als die Schlange bezeichnen. Männer üben Gewalt aus und Männer erzählen die Geschichte der Gewalt. Vergessen wir nicht, dass wir uns hier auf das 4. Kapitel des 1. Buches Mose beziehen, d.h. auf männliche Geschichtsschreibung.

Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn Eva zwei Mädchen geboren hätte? Vielleicht wäre es dann nie zu diesem Mordfall gekommen. Vielleicht hätte es der Herrgott als FRAUgott leichter über das Herz gebracht, beide Brandopfer seiner Kinder gnädig aufzunehmen oder überhaupt auf derartig zeichenhafte Opfer verzichtet. Es scheint statistisch naheliegend, dass Fraugott das vegetarische Opfer Kains dem Fleischopfer Abels vorgezogen hätte. Ich zumindest kenne mehr Vegetarierinnen als Vegetarier.

Obwohl ich in dieser Fragestellung - als advocatus diaboli - Ursache mit Wirkung verwechsle, die Kain-und-Abel-Geschichte ist ja ein nachträglicher und rückblickender Versuch, unsere gewalttätige Welt zu erklären und keine Blaupause für unser Leben seit der Erbsünde, führt auch sie uns weiter in Richtung Semiotik. In Robert Anton Wilsons Lexikon der Verschwörungstheorien lesen wir, dass Henry Bailey Stevens die Geschichte von Kain und Abel als Lüge "dekonstruiert". Für Stevens steht der Ackerbauer Kain „für die einfache und ehrliche, nicht gewalttätige Menschheit im vegetarischen Zeitalter (...) in anderen Worten: für die guten Menschen.“ Erinnern wir uns: Ein Zeichen ist etwas, das für etwas anderes steht. Der Fleischfresser und Rinderschlächter Adam „repräsentiert“ (wieder ein semiotischer Terminus) für Stevens die aggressive Menschheit, die „solch üble Angewohnheiten wie Krieg, Sklaverei und Verbrechen eingeführt hat“. (Wilson, Lexikon der Verschwörungstheorien. S. 37f.)
Nach Stevens Ansicht sind in der Bibel die Rollen absichtlich vertauscht worden: in (seiner) Wahrheit ist Abel der Mörder, Kain das Opfer und die Bibel lügt.

Die Frage nach dem Verhältnis der Zeichen zur Realität und damit zur Wahrheit bzw. Lüge wird in semiotischen Analysen immer wieder zur Sprache kommen, ebenso, wie die Versuche, mit magischen Zeichen wie Opfern, Zaubersprüchen, Beschwörungsformeln oder Knoblauchzehen zu operieren. 
Sogar vom Knoblauch kann man eine Spur zu Kain und Abel zurückverfolgen, wenn man John Steinbacher glaubt, der meint, Kain, der erste Mörder, wäre auch der erste Vampir gewesen, da er aus einer Verbindung Evas mit der Schlange hervorgegangen sei. (Wilson, Lexikon der Verschwörungstheorien. S. 36). Es ist auch in dieser alttestamentarischen Argumentationslinie folgerichtig, dass jeder Vampir vor Knoblauch zurückschreckt, wie ich im ersten Post (Warum hilft Knoblauch gegen Vampire?) zu erklären versucht habe. 

Bevor wir zur Semiotik der Vampire und Vampirjäger abschweifen, die in diesem Blog noch an mehreren Stellen zur Sprache kommen wird, ist es notwendig, im nächsten Post - endlich - einen genuin Semiotischen Blick auf Kain, Abel und den Gott des Alten Testaments zu werfen. 

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