Dienstag, 6. November 2012

Hermann Nitsch und der Tag der Fahne


Der Mensch ist ein animal symbolicum und kann - im Gegensatz zu anderen Tieren - Zeichen und Symbole verwenden, um seine Wünsche und Bedürfnisse zeichenhaft auszuleben, anstatt sie – „mit Gewalt“ in die Tat umzusetzen.
Es war, wie Freud sagt, ein „kultureller Fortschritt“, als sich "die Tat zum Wort mäßigte". Wer Mordgelüste gegenüber seiner Umwelt hat, kann Romane schreiben oder Filme drehen, in denen ein Serienkiller alle Nervensägen umbringt.

Ein animal symbolicum kann sich am signifiant als Ersatz für das Konzept (signifié) und das Reale vergreifen. Unter diesem semiotischen Gesichtspunkt wird es verständlich, dass sich wütende Horden versammeln, um bunt gestreifte Stofftücher mit Füßen zu treten, in den Dreck zu werfen, zu bespucken und johlend zu verbrennen. Sie schlagen den semiotischen Sack und meinen den wirklichen Esel: der konkrete signifiant (die Flagge) wird beschädigt und misshandelt, das abstrakte signifié (das Land) soll damit getroffen werden. Der symbolischen Beschädigung folgt meist die mehr oder weniger reale (zeichenhafte) Empörung des betroffenen Landes.

Die österreichische Fahne ist semiotisch besonders interessant. Das Ende der sogenannten Besatzungszeit wurde in Österreich mit einem eigenen „Tag der Fahne“ (später: Nationalfeiertag) gefeiert, an dem laut Anordnung durch das Unterrichtsministerium die Nationalflagge als Zeichen für die neue Souveränität Österreichs feierlich gehisst werden sollte.

Die alte Legende, mit der die konventionelle ROT-WEISS-ROTE- Farbkombination „motiviert“ werden soll (um im Jargon der Semiotik zu bleiben), ist barbarisch. Es heißt, dass sich die ROT-WEISS-ROTE- Fahne vom weißen Waffenrock des österreichischen Herzogs und Kreuzfahrers Leopold V. (1157-1194) ableitet, der den Beinamen „der Tugendhafte“ trägt. Er war so vorbildlich „tugendhaft“ im Abschlachten der Ungläubigen bei der Belagerung von Akkon, dass sein weißes Gewand über und über mit Blut getränkt war. Als er seinen breiten Gürtel abnahm, sah man den weißen Streifen.
Angesichts dieser blutigen Herkunft ist es überraschend, dass noch niemand daran gedacht hat, für das angeblich tu-felix-austria-nube- Österreich andere Landesfarben vorzuschlagen.

Wahrscheinlich hat das Gewand des Herzogs so ähnlich ausgeschaut, wie die Messgewänder von Herrmann Nitsch nach seinen Aktionen.
Obwohl die Aktionen von Nitsch bezogen auf menschliche Opfer vor allem zeichenhaft sind und der Blutrausch von Leopold V., zumindest der Legende nach, real war, beschwerten sich ausgerechnet die nationalen Kräfte über Nitsch, die die Tradition des christlichen Abendlands mit der Blutflagge Österreich hochhalten wollen. Vor den Tugendwächtern sind eben nicht alle Blutspritzer gleich.

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