Freitag, 9. November 2012

Man Ray, die eiserne Jungfrau und Draculas Bügeleisen

Ich habe heute am Vormittag gemeinsam mit der Biochemikerin Renee Schröder und dem Bühnenbildner Maximilian Fliessbach ein Bild gemalt. Es ist ein buntes Triptychon geworden, in das ich eines meiner Lieblingszeichen gemalt habe: Dracula's  Bügeleisen, wie ich es nenne, ein Bügeleisen mit bluttriefenden Zähnen.

Wer sich ein biss-chen(!) in der Historischen Avantgarde umgeschaut hat, weiss, dass nur das Blut von mir stammt. Die Idee, ein Bügeleisen  mit Nägeln zu bestücken, habe ich von Man Ray, der dieses Ray-  di - made (sic) zuerst der Kunstwelt vor den Latz geknallt hat. 
Man Rays provozierende (= Gedanken und Reaktionen hervorrufende) Montage zeigt, wie schnell aus alltäglichen Dingen Zeichen werden können oder zumindest Formen, von denen wir vermuten, dass sie ein Sinn haben (sollen) und daher Zeichen sind.
Verfolgen  wir den Weg vom Ding zum Zeichen.
Dinge stehen zuerst einmal für sich selbst. Ein Bügeleisen ist ein Bügeleisen ist ein Bügeleisen, bis es für jemanden / von jemandem zum Zeichen gamcht wird.  Nägel sind Nägel, bis sie mit Bedeutung aufgeladen werden. 

Es ist naheliegend, Bügeleisen und Nägel als Zunft-Zeichen zu verwenden, die das Handwerk re-präsentieren, bei dem sie eine Rolle spielen. Bügeleisen könnten als Zeichen für eine Schneiderei verstanden werden, Nägel als Zeichen für einen Tischler. Diese Beispiele zeigen auch, dass man für eine repräsentative (ins gegenwärtig präsente Bewusstsein rufende) Funktion eher Gegenstände zum Zeichen machen wird, die möglichst repräsentativ (stellvertretend als Alleinstellungsmerkmal) sind, wie etwa Nadel, Faden und Schere für einen Schneider und einen Hobel für den Tischler.

Hobel und Schere sind ebenso wie ein Bügeleisen praktische Werkzeuge, aber wofür steht dieses mit Nägeln bestückte Unding, das keinen praktischen sondern nur mehr zeichenhaften Wert zu haben scheint? Die Irritation wird durch die Montage ausgelöst: ein heißes Bügeleisen mit kalten Nägeln.

Dazu kommt, dass Man Ray dem Werk den Titel Cadeau (Geschenk) gegeben hat. Wem schenkt er dieses Monstrum(m)? Den Büglerinnen, damit sie die weißen Hemden Ihrer Ausbeuter und die schwarze Spitzenunterwäsche der AusbeuterInnen zerfetzen? Den SadistInnn? Den KunstfreundInnen?

Bei manchen Triathlons bekommen die Teilnehmerinnen ein Erinnerungs- T-Shirt, auf dem ein Bügeleisen (engl. iron) abgebildet ist, als Zeichen, dass man ein IRON-Man bzw. eine IRON-Woman ist.  
Von der iron woman, der Eisenen Lady ist es nicht weit zur eisernen Jungfrau, dem euphemistischen Ausdruck für eine der grausamsten Foltermaschinen. 
Die eiserne Jungfrau ist eine weibliche Statue, die innen hohl und mit Stacheln bewehrt ist. Das Opfer, meist ein Ketzer oder eine Hexe, wird in diesen Hohlraum gesteckt. Dann schließt man die Jungfrau mit Gewalt (eine Art umgekehrter Vergewaltigung einer - hier im übertragenen Sinn - eisernen Jungfrau) und die Stacheln/Zähne dringen ins Fleisch des darin gefangenen Menschen ein, der wie in einer Vagina Dentata penetriert wird.
Ich habe bei  Man Ray's Cadeau immer schon an Draculas Bügeleisen gedacht und mir vorgestellt, wie er diesem Bügeleisen in der Hölle werkt. Der Graf ist dazu verdammt, die Sünden aus den Seelen der Verdammten zu bügeln, eine Sisyphus-Aufgabe, mit der er sein untotes Leben lang nie fertig wird.
Im Jahr 2009 habe ich in der Schweiz an der Hochschule der Künste in Bern eine Installation gemacht, in der Draculas Bügeleisen in Zeitlupe über den Sündenpfuhl fährt. Ich habe die Aktion Undead End genannt, weil sie am Ende einer unterirdischen Sackgasse (=dead end) aufgebaut war. Es war eng, finster und stickig. Das Video kann die Stimmung nur annähernd wiedergeben, in Wirklichkeit war die ganze Sache jenseitig und unheimlich. Hier der Link:
Undead End







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