Donnerstag, 1. November 2012

Nosferatus Kuckucksuhr


Bram Stokers Roman Dracula beginnt mit einer Notiz aus Jonathan Harkers Reisetagebuch: «3. May. Bistritz.  - Left Munich at 8:35 P. M., on 1st May, arriving at Vienna early next morning; should have arrived at 6:46, but train was an hour late.»

Dracula ist wohl der einzige Text der Weltliteratur, der mit einer Zugverspätung beginnt. Bis München ist dem blutjungen Harker offenbar nichts widerfahren, das ihm merkwürdig genug gewesen wäre, um im Tagebuch vermerkt zu werden. Kaum kommt er jedoch nach Österreich, schon ist der Zug - typisch Österreich könnte man sagen – verspätet, was Harker, ein pedantischer kleiner Rechtsanwalts-Gehilfe auf seiner ersten großen Reise, penibel notiert.
Einem abgeklärten Reisenden wäre es im Gegenteil merkwürdig erschienen, wenn alle Züge quer durch Europa pünktlich gewesen wären.

Mit dieser Wiener Zugsverspätung wird schon im ersten Satz von Dracula ein bedrohlicher Grundton angeschlagen, der sich durch den ganzen Roman zieht; sie ist die erste einer Serie von Verspätungen und Verzögerungen.
Bekanntlich ist  der Junggeselle Harker nicht zu seinem Vergnügen unterwegs, sondern auf Dienstreise. Sein Boss hat ihn nach Transsylvanien geschickt, weil ein gewisser Graf Dracula Grundbesitz in England erwerben will. Wenn Harker nicht rechtzeitig nach Transsylvanien kommt, dann platzt das Geschäft vielleicht und Harker könnte seinen Job verlieren und damit auch die finanzielle Grundlage, seine Geliebte Mina zu heiraten. 
Harker will das Vertrauen, das sein Chef in ihn gesetzt hat, nicht enttäuschen und daher möglichst schnell zu Dracula kommen: should have arrived at 6:46. Kaum ist er jedoch tatsächlich bei Dracula angekommen, findet er sich in einem Alptraum wieder.

In Murnaus Nosferatu (1922) ist die Begegnung des jungen Mannes mit dem uralten Vampir scherenschnitthaft eindrucksvoll dargestellt. Auch wenn die Figuren in Nosferatu aus rechtlichen Gründen anders benannt wurden, bleibe ich der Einfachheit halber bei Harker und Dracula.
In der Uhrenszene sitzt Harker wenige Minuten vor Mitternacht auf Schloss Dracula am Esstisch. Er ist von der Reise erschöpft, sein Gastgeber hat ihm – wie es sich am Hof eines Grafen (vgl. „höflich“) gehört – einen späten Imbiss angeboten.
Die Szene ist dramaturgisch perfekt, extrem karg und symbolisch aufgeladen. Harker nimmt einen Laib (man könnte mit Freud assoziieren: Laib=Leib) Brot vom Tisch und ein Messer zur Hand, das mich immer an Psycho erinnert. Es gibt in unserer Vorstellungswelt keine „einfachere“ Mahlzeit als ein Stück Brot: „Gib uns unser tägliches Brot heute“ heißt es im Vater Unser. Essen ist Eros, Lebenstrieb, leibliche Lust. Während Harker das Brot schneidet, schneidet Murnau um auf Draculas Augen, die Harker fixieren.
Harker hält inne, er ist verwirrt und beunruhigt, weil sein Gastgeber nicht mit ihm isst (=unhöflich, unlebendig), sondern ihn nur anstarrt.
 Genau in diesem Augenblick – perfektes Timing - schlägt die Einhand-Uhr (vgl. dazu meinen Post über Zeiger/hands) hinter Harker Zwölf. Mitternacht. Geiserstunde. Erschrocken blickt er sich zur Uhr um. Draculas Uhr hat ein ganz besonderes Schlagwerk: Gevatter Tod, dargestellt durch ein Gerippe, thront über der Uhr und schlägt die Stunde.
Nervös und irritiert schneidet Harker sich in den Daumen - ins eigene Fleisch - Blut fließt und der bisher seltsam leblose Vampir erwacht. 

Werner Herzog hat diese Uhren-Szene in seiner Nosferatu-Version fast schon parodistisch nachgestellt, mit einem Totenschädel, der aufklappt. 
Während mich die semiotische Klarheit von Murnaus Uhr fasziniert, denke ich bei Herzog/Kinski/Ganz –  immer: wenn Herzog in der Uhrenszene so übertreibt, hätte er - zum Kuckuck! - gleich eine Kuckucksuhr für diese Einstellungen nehmen können.

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