Sunday, October 14, 2012

Kultur und Natur: Delirien und Physiologie


Ich lasse mich noch immer vom Verkehrsstrom treiben und nehme heute die Verkehrsampel beim Wort: die Griechen sagen Sematodhotes, weil diese Vorrichtung ein „semeion“ (= Zeichen, daher auch: Semiotik) gibt, auf Italienisch heißt die rote Ampel semaforo rosso, der rote Zeichenträger, was sich auch auf „semeion“ sowie auf das ebenfalls griechische „pherein“ (= tragen vgl. Amphore = Gefäß) zurückführen lässt. 
Spätestens jetzt sollte jedem Christopher und Christof bewusst geworden sein, wen er im Namen und symbolisch auf der Schulter trägt.
Dass die Engländer cool traffic light sagen und die Franzosen feurig feu, habe ich schon erwähnt. Ich vermute, dass man das Französische feu bis zu einer griechischen Amphore zurückverfolgen kann, die mit Öl gefüllt war: eine Amphore ist als Gefäß ein „Inhaltsträger“ (pherein). Wenn man sie mit Öl füllt, das man entzündet, wird sie zur Öllampe oder eben zum Signalfeuer. Feuer und Rot, feuerrot assoziieren wir intuitiv mit Blut und Gefahr, wenn wir rot sehen, sehen wir rot!

Man darf trotz aller assoziativen Codes und etymologischen Delirien nicht vergessen, dass auch wahrnehmungs-physiologische Gründe dafür sprechen, Rot und Grün als Signalfarbe zu verwenden. Sehen ist ein äußerst komplexes Phänomen, daher kann ich hier kaum mehr als Andeutungen geben:
a) Unser Rot/Grünsystem arbeitet offenbar besonders schnell, schneller als z.B. das Blau/Gelb-System.
b) Rot sticht aus der natürlichen Umgebung besonders hervor, so als wäre das menschliche Auge darauf programmiert, Rot besonders gut zu erkennen.
c) Obwohl wir rasch und empfindlich auf Rot reagieren, werden wir davon nicht geblendet. Deswegen ist z.B. die Kabinenbeleuchtung für die Navigation auf Schiffen rot. So kann man die Instrumente und Karten lesen und ist nicht völlig nachblind, wenn man dann aufs dunkle Meer hinausschaut.

Man hätte theoretisch auch Himmelblau oder Hellrosa oder Pink/Gelb -gestreift für die Bedeutung „STOP“ in Verkehrsampeln verwenden können, aber man müsste dafür einige Wahrnehmungs- und Assoziations-Nachteile in Kauf nehmen oder sich wie Rot-Grün-Sehschwache an anderen Kriterien (Position des Signals) orientieren. 
Die Verkehrsampel, wie wir sie kennen, erscheint nach diesen Überlegungen als gelungene Verbindung von Kultur und Natur. Das macht die Versuche, dieses Signal-System auf dem Kopf zu stellen (hellörige assoziieren hier schon Karl Marxens Programm, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen) besonders faszinierend. Dazu mehr im Montag-Mao-Post.

Saturday, October 13, 2012

Schön Rot und ganz schön Blau


Mein letzter Post hat mit den Beatles geendet: Why don’t we do it in the road? Bleiben wir im semiotischen Tagebuch bei Straßen und Plätzen. Die rote Laterne baumelt vor Bordellen im Rotlichtviertel, das ist ein kultureller und physiologischer Code.  Der Letzte des härtesten Straßenrennens der Welt, der Tour de France, trägt eine rote Laterne mit Stolz; die Tour/Tortour ist eine der wenigen Sportveranstaltungen, bei der man den Schwächsten als den gerade noch Stärksten der allzu Schwachen feiert. All diese Rot-Codes kennen wir auswendig by heart (einem roten Organ), wie die Engländer viel schöner sagen. 

Offensichtlich ist rot/STOP emotional stärker aufgeladen als grün/GO: Blutrot, Feuerrot, Scharlachrot, Rot vor Wut.
Grün ist vergleichsweise harmlos: Lindgrün, Suppengrün, die kleinen grünen Männchen. 

Bei Stephen Pinker liest man, dass in archaischen Gesellschaften, in denen das Farbspektrum sprachlich nur sehr grob abgebildet wird, Rot die dominierende Rolle spielt. Wenn archaische Sprachen zusätzlich zu HELL und DUNKEL überhaupt ein Farbwort haben, dann ist es ROT! Im Russischen krasnyj klingt die Faszination, die das schöne Rot als Farbe aller Farben ausstrahlt, etymologisch noch nach: krasnyj  hieß schön und rot. Krasnaja Ploschtschad, der Rote Platz in Moskau, war schon im 17. Jahrhundert ein schöner Platz, bevor er mit dem Roten Oktober ein Roter Platz wurde.

P.S.: Zur roten Tuch: Stiere sind farbenblind. 
P.P.S: Ich spreche nicht vom Sternzeichen.
Im nächsten Post (dem Wort zum Sonntag) werde ich die Ampel beim Wort nehmen.

Friday, October 12, 2012

Freud on Facebook / Zauberlehrling 2.0 / Adornos Traumloser Traum


Eigentlich habe ich ja versprochen, heute mit den Roten und der roten Ampel fortzufahren, mit Mao, Horst Mahler und dem Straßenverkehr. Stattdessen musste ich ein work in progress für einen Projektantrag aktualisieren. Wie bei mir zu erwarten geht es auch dabei um die Macht der Zeichen, die sich zwischen die Wirklichkeit und unsere Erfahrung drängen. 

Mit dem für ihn typischen Selbstbewusstsein schreibt Freud 1917 in „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, dass unsere narzisstische Eigenliebe drei schwere Kränkungen erfahren habe:

1)    Die kosmologische Kränkung, die uns der Illusion beraubt habe, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums und „alles drehe sich um uns“.
2)    Die biologische Kränkung, die uns von unserem Podest als Herrscher über das Tierreich gestürzt und als „nackte Affen“ entlarvt habe.
3)    Die psychologische Kränkung, die uns nun durch ihn selbst, dem Darwin des Unbewussten, zugefügt werde. Der Mensch sei, um es in Freuds mittlerweile geflügelten Worten auszudrücken, nicht einmal „Herr in seinem eigenen Haus“. Medienkritiker/Klageweiber aller Zeiten stimmen im Chor ein: wir herrschen nicht, wir werden von den jeweils neuen Medien beherrscht.
Tatsächlich lässt sich von den Freud’schen Kränkungen eine direkte Linie zu einer vierten Kränkung ziehen, die man semiotische Kränkung nennen könnte. Wir Menschen haben komplexe analoge und digitale Zeichensysteme entwickelt (Sprache, Schrift, Film, TV, Internet), die sich von uns abgelöst und sich selbst-ständig gemacht haben. Im Gegenzug werden wir unselbständig und lassen uns von den Geistern, die wir gerufen haben, beherrschen. Empört hatte Theodor W. Adorno schon angesichts des frühen Fernsehens festgestellt, dass semiotische Systeme als „traumloser Traum“ (schon wieder Freud!) unser Bewusstsein von allen Seiten umstellen, sodass dem kritischen Blick und der unverstellten Erfahrung keine Lücke offen bleibe. Diese Diagnose stimmt heute vielleicht mehr denn je: wir fallen unseren Liebsten nicht mehr um den Hals, sondern schicken ihnen „digital hugs“, virtuelle Umarmungen.
Neue Medien erscheinen der Medienkritik seit jeher als „Ausgeburt der Hölle“, wie Goethes Zauberlehrling entsetzt ausruft, als er einen Besen in einen Knecht verwandelt hat, der ohne Unterlass Wasser anschleppt, bis das ganze Haus zu ersaufen droht: Wasser als Kommunikationsmittel, als Kanal, als Überfluss; wir wollen mehr, immer mehr, bis wir im Meer/Mehr ersaufen.
Bei Goethe gibt es jedoch noch den „alten Meister“, (als Magier, ÜBER-ICH, Vernunft, Tradition, Zensur, Schranke, Wissen, Macht), der den Geisterbesen in die Schranken weist, aber heute ist – abgesehen von radikal-fundamentalistischen Konzepten – kein Meister vorstellbar, der uns vor dem Medien-mehr-meer in Schutz nehmen könnte. Mit „Besen, Besen, seid’s gewesen!“ schickt Goethe die aufmüpfigen Sklaven zurück in die Ecke. Wer könnte heute mit „Browser, Browser, ausgebrowst!“ dem Internet Einhalt gebieten?
Gespannt, gebannt und gefesselt hocken wir – wider besseres Wissen - vor dem Bildschirm, um die drei klassischen Kränkungen wieder rückgängig zu machen.
1)    Wie die Spinne im Netz sitzen wir im Zentrum des Internets. Es dreht sich doch alles um uns, wir haben alles im Blick und im Griff, - glauben wir.
2)    Wie der König der Tiere spielen wir vor dem Bildschirm genüsslich mit der Maus.
3)    Vor dem Schirm wollen wir „Herr im eigenen Haus“ sein, in unserer Freizeit wollen wir (uns) freisurfen.

„Werch ein Illtum“, wie Ernst Jandl gesagt hätte. Obwohl wir durch unser medienkritisches ÜBER-ICH, von Plato über Günther Anders’ Die Antiquiertheit des Menschen bis zur Digitalten-Demenz-Kassandra Manfred Spitzer, wissen, dass es für uns als Individuen und als Gesellschaft nicht gut sein kann, Tag und Nacht auf die digitalen Zauberspiegel zu starren, zieht „ES“ uns doch immer wieder vor die Bildschirme, wo wir das bunt flirrende Kaleidoskop mit Maus- und Fernbedienungs-klicks anfeuern: aus dem Homo sapiens ist im Jargon der Kulturkritiker längst der „Homo zappiens“ geworden, aus den „Litterati“ die „Twitterati“, die remote control (engl. für Fernbedienung) kontrolliert uns aus der Ferne, sonst würde es uns nicht so schwerfallen, abzuschalten. 
Es  kommt mir vor, als hätte Gott/Big Brother im künstlichen Paradies das Gebot ausgegeben: alle Knöpfe dürft ihr drücken, - nur den AUS-Knopf nicht. Und wir halten uns daran! (Wo bleibt die Schlange, wo ist Eva?)

Ein Blick auf die Mediengeschichte zeigt, dass rationale Medienkritik am falschen Hebel ansetzt. Wäre die Vernunft am Ruder, wäre der Finger am Off-Knopf der Fernbedienung. In einer vernünftigen Welt wäre das Fernsehen schon längst ausgestorben, stattdessen ist es immer noch die mit Abstand beliebteste Freizeit (Frei-Zeit!) – Beschäftigung.

Freud fasst das Verhältnis von ICH und ES in ein wunderbares Bild: „Wie dem Reiter, will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrigbleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt auch das ICH den Willen des ES in Handlung umzusetzen, als ob es der eigene wäre.“ (S. Freud: Das ICH und das ES, 1923).
Die Freud’schen Kränkungen bleiben auch im Global Village spürbar, die vierte Kränkung macht uns laut rationaler Medienkritik chronisch krank: viele User haben die Kontrolle über die Freizeit verloren, der Wiederholungszwang regiert im Netz. User ist im US-Slang die gängige Bezeichnung für “Drogensüchtige“, in der westlichen Welt werden immer mehr Entzugs-Kliniken für Internet-User aufgebaut.

Die Grundlage für den magischen Sog der modernen Medien liegt offenbar in unserem Triebsystem, daher müssen wir auch dort den Schlüssel zur Befreiung suchen, - wenn es noch eine Chance auf Befreiung geben soll. Es muss doch auch andere Mittel geben, als vom Pferd abzuspringen und – wie Spitzer vorschlägt, den Fernseher aus dem Fenster zu werfen und die Computer zu verbannen.
Als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen ein Gedanke von Jacques Lacan, der in einem Seminar zuerst Orwells Newspeak-Parole „Freedom is slavery“ zitiert, auf Französisch: La liberté c’est l’esclavage. Dann spielt Lacan mit dem „lavage“ (= waschen) von esclavage weiter und empfiehlt uns „un lavage de cerveau“ – eine Gehirnwäsche, damit wir aus dem traumlosen Traum aufwachen und die Lücke finden, bevor es zu spät ist.

Brainwashing/Brainstorming, um zu erfahren, was dieses ES eigentlich ist, das uns SPELLBOUND vor den Bildschirmen hocken lässt: welche Bedürfnisse, welches Begehren, welche Belohnungen? Und: was fürchten wir zu verlieren, wenn wir unsere Ketten sprengen?

Thursday, October 11, 2012

Verkehr im Rotlichtviertel: Freud und die Verkehrsampel


Mein heutiger Tagebuch/Nachtbucheintrag über rote Verkehrsampeln schließt an meinen beiden auto – ich verspreche, das Wortspiel hier zum letzten Mal zu nutzen - biographischen Posts über Opel und BMW an. Mein letzter Eintrag hat mit dem Hinweis geendet, wie schwierig es sei, nicht an Opel-Blitz-Krieg und BMW-Flugzeugpropeller zu denken, wenn man Autos dieser Marken sieht und dazu die (wenn auch möglicherweise historisch nicht belegbaren) Mythen kennt. Nach dem Motto: denken Sie nicht an einen rosa Elefanten! 
Infolge der in den nächsten Tagen kommenden Posts werden Sie vermutlich rote Verkehrsampeln mit anderen Augen betrachten, so wie man sich nie wieder mit ruhigem Gefühl unter die Dusche stellen kann, wenn man einmal Hitchcocks Psycho gesehen und gehört(!) hat.

Die „Sprache“ der Verkehrsampel ist einfach, das Repertoire beschränkt; in Signalfarben leuchtende Scheiben und dazu ein simpler Code: Grün = GO!, Rot  = STOP! Das zusätzliche Gelb sowie das grüne Blinken tragen nur der Tatsache Rechnung, dass wir uns bewegen und unser Rektionsvermögen (vor allem der Brems- bzw. Gasfuß, -  auch des Hintermannes) eine Vorwarnung braucht. 
Dass uns die Rot=STOP-Regel so sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass wir sie fast schon für natürlich halten, kann Semiotiker nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Beziehung zwischen einer roten Ampel und der Bedeutung STOP eine kulturelle Übereinkunft ist, auch wenn es gute Gründe psychologischer und physiologischer Natur für diese Konvention geben kann, auf die ich noch eingehen werde. Theoretisch hätte man sich auch darauf einigen können, dass die grüne Scheibe STOP und die rote Scheibe GO bedeutet, - schließlich fährt man in manchen Ländern auf der linken Straßenseite anstatt auf der rechten.

Niemand könnte uns daran hindern, auf unseren Privatgrundstücken eigene Verkehrsampeln und die Regel aufzustellen, dass Rot – VORWÄRTS bedeutet. „Vorwärts, und nicht vergessen, / worin uns're Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen,/ vorwärts und nicht vergessen / die Solidarität!“ heißt es beim Roten Bertolt Brecht; der Vorwärts-Verlag war der Verlag der Österreichschen Roten. Ausgehend von einer roten Verkehrsampel kommt man schnell zur Politik, dieser Weg wird uns bis zur Roten (was denn sonst) Armee Fraktion und zu Mao führen. Auch dazu später.

Lassen wir zuerst den Assoziationen freien Lauf, Anlass dafür geben wieder Wortspielereien: während man in England mit coolem Understatement traffic light (nicht zu verwechseln mit light traffic) sagt, spürt man  bei den Franzosen Aufregung und Fahrfreude: Le feu rouge! Zum Feu rouge passt der/die/das Moulin Rouge (der Moulin wenn man nach dem Französischen le moulin vorgeht, die Moulin, wenn man an das Deutsche die Mühle denkt, das Moulin Rouge als Etablissement) und so wird jede Kreuzung zum rhythmisch pulsierenden Rotlicht-Bezirk. Durch diese Wortmontage bekommt das Wort Kreuzung rückwirkend einen biologischen Sinn, das Wort Verkehr ist immer sexuell aufgeladen, Kreisverkehr so-wie-so. Kreisverkehr im Rotlichtviertel?
Vielleicht sind diese Spiele nur in der Sprache Freuds möglich: was ist schon eine Rush Hour gegen den Stau in der Stoßzeit, - auch wenn Paul McCartney schon 1968 auf dem White Album der Beatles immer wieder flehte: 
Why don’t we do it in the road? 
Why don’t we do it in the road? 
Why don’t we do it in the road? 

Wednesday, October 10, 2012

BMW, Finding Forrester und der rosa Elefant


Wie im letzten Post erwähnt, haben mir meine auto(=KfZ)-biographischen Reminiszenzen keine Ruhe gelassen. So ist mir Finding Forrester (USA 200) wieder eingefallen, Gus Van Sants Film über den schwarzen Teenager Jamal Wallace, der sich mit dem völlig zurückgezogen lebenden Schriftsteller William Forrester befreundet; der Name dieses großstädtischen Einsiedlers deutet an, dass er am liebsten im Wald (forest) leben würde.
Finding Forrester spielt mit den Mythen, die sich um den Superstar des Versteckspiels J.D. Salinger ranken, dessen Catcher in the Rye jedes amerikanische Kid in der Pubertät bzw. der Highschool lesen "muss". Thomas Pynchon und der alte Anarchist B. Traven gehören ebenfalls in diese Kategorie der Kunst=Privatleben=Öffentlichkeits-Verweigerer, die ihre Spuren verwischen, um sich den Fans, Journalisten und lästigen Literaturwissenschaftern zu entziehen. Spuren-Verwischen ist auch eine semiotische Tätigkeit.

Als ich Finding Forrester vor Jahren gesehen habe, ist mir die Szene aufgefallen, in der der junge Schwarze über die Bedeutung des BMW-Logos "doziert". Wenn ich mich richtig erinnere, behauptet er, dass das Blau-Weiß des Logos die durch den rotierenden Propeller eines Kriegsflugzeuges gewirbelte Luft vor dem Hintergrund eines blauen Himmels abbilde. Mir war das damals neu; ich wollte seine Theorie sofort überprüfen - und habe darauf vergessen. Diese Recherche hole ich jetzt nach.
Offenbar ist an der ikonischen Interpretation, die Jamal Wallace im Film äußert, "was dran".
Wie so oft beim Zeichenlesen existieren jedoch mindestens zwei Theorien der richtigen Lesart, eine Interpretation, die die ikonische (abbildende) Ebene betont, und eine indexikalisch-symbolische Interpretation, die sich auf direkte Spuren und traditionellen Ge-brauch bezieht.
Die indexikalisch-symbolische Theorie besagt, dass das Blau-Weiss des BMW-Logos dem Blau-Weiss der traditionelle bayerischen Rautenflagge entnommen ist, immerhin ist BMW die Abkürzung für Bayerische Motoren Werke. Die ikonische Theorie verweist hingegen auf den durch einen Flugzeug-Propeller hervorgerufenen Sinneseindruck, der im Logo abge-bild-et werde.

Die Frage ob nun die bayerischen Farben weiß-blau oder die Kombination"wirbelnde weiße Propeller-Luft vor blauem Himmel" tatsächlich hinter dem Logo stecken, könnte man mit "Beides stimmt" beantworten. Im Kriegsjahr 1942 wurde der historisch-politischen Lage entsprechend in der BMW-Werkszeitschrift dem Propeller der Vorzug vor dem Freistaat Bayern gegeben: „Ein glücklicher Zufall will es, daß diese weiß-blaue Luftschraubenspiegelung im BMW Zeichen auch gleichzeitig zum Symbol seiner bayerischen Herkunft wurde.“ Kriegsflugzeuge sind damals Absicht, Bayern ein Zufall.

Sechzig Jahre später wurde diese Perspektive offiziell zurechtgerückt. In der BMW-Zeitschrift Mobile Tradition Live findet man 2005 rund um obiges Zitat einen Artikel, der zeigt, dass der ikonische Propeller-Mythos zwar von BMW bereits in den 1920er Jahren selbst erdacht und verstärkt propagiert wurde, um die Chancen für BMW-Flugzeugmotoren zu erhöhen, dass BMW jedoch schon lange vorher das blau-weiße Logo mit den Farben der Rautenflagge– aber noch ohne die in Kriegszeiten so perfekt dazupassende Geschichte – verwendet hatte.

Wer beide Erkärungen kennt, wird bei jedem BMW auch an Kriegsflugzeuge denken "müssen", weil unser Gehirn eben so gebaut ist, dass es mit Verboten und Verneinungen nicht gut umgehen kann: Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten!

Monday, October 8, 2012

Entwurf eines neuen Da Vinci Codes


Während meine Generation der digital immigrants ihr Wissen früher aus Bibliotheken, Buchhandlungen und Gesprächen "zusammenstückeln" musste, bietet uns das Netz nun eine unendliches Reservoir an Geschichte und Geschichte(l)n. Meine beiden auto(=KfZ)-biographischen Reminiszenzen haben mir keine Ruhe gelassen, - und ich musste weiter googeln.

Wie im letzten Post erwähnt, war das Markenzeichen für Fahrzeuge der Firma Opel ursprünglich ein übereinander gelagertes A und O, nach den Initialen des Firmengründers Adam Opel; später kam ein allsehendes Auge, noch später der Opel-Blitz, das O, durch das ein Blitz saust.

Der Blitz im aktuellen Opel-Markenzeichen wäre ein gefundenes Fressen für "Meistersemiotiker" à la Robert Langdon (Da Vinci Code, The Lost Symbol), der bei jedem modernen Opel daran denken würde, dass der Opel Blitz, der seit 1930 gebaut wurde, der wichtigste Lastwagen der Deutschen Wehrmacht war. Für Langdon läge die kriegerische Verbindung Opel Blitz - Blitzkrieg auf der Hand, weil Opel schon lange vor dem nationalsozialistischen Regime z.B. Fahrräder der Marke „Victoria Blitz “ hergestellt hatte. Auch bei dieser frühen Opel-Marke ist von Victoria (= Sieg) die Rede.

Dan Brown könnte daraus einen Thriller machen, in dem Langdon weiter recherchiert und entdeckt, dass Opel sich erst im Jahre 1964 - nach dem Ende der Nazi-Herrschaft - für das aktuelle Blitz-Logo entschied. Jeder Opel trägt heute noch den Blitz.  Schon im 2. oder 3. Kapitel von Dan Browns Auto-Code-Thriller würde Langdon erkennen, dass dieser Blitz, wenn man ihn um 90° dreht, aussieht wie SS-Runen und schon wäre der Semiotiker im Dan-Brown-typischen Strudel von Politik, Geschichte und Verschwörungstheorien. "Hatte Opel wegen des Blitzes so lange das Image eines Altherren-Autos?" - würde Langdon sich fragen.
Dass ein frühes Opel-Logo ein allsehendes Auge war (Überwachungsstaat),  das ab 1935 von einem großen O ersetzt wurde, durch das ein Zeppelin als Symbol der Modernität und Reichweite fliegt, wird Langdons Phantasie noch stärker anregen, wenn er "kombiniert", dass wenig später, im Jahr 1937, der deutsche Zeppelin Hindenburg in den USA als spektakulärer Feuerball abstürzte. Bei dieser Katastrophe fanden 35 Menschen den Tod, kein anderes Unglück der zivilen Luftfahrt hatte jemals eine größere Publizität erreicht, was natürlich auch mit der für damalige Zeiten sensationellen media coverage zusammenhängt: es gab eine Radio-Lifereportage, die – wenn auch zeitversetzt gesendet – den Schrecken direkt in die Haushalte brachte, sowie Filmaufnahmen des Absturzes.

Die Frage, ob die Absturzursache ein Unglück oder Sabotoage war – und wenn, ein Terroranschlag, der von Nazis oder Kommunisten ausging, - ist bis heute umstritten. Zahlreiche Bücher, Dokumentar- und Spielfilme nahmen sich des Themas an, hier könnte Langdon endlich die Wahrheit ent-decke-n (vgl. dazu aus meinem früheren Post: der Detektiv nimmt das Dach bzw. die Decke vom Ort des Verbrechens ab).

Kommen wir zurück zum Zeppelin. Vor dem Opel-Blitz-Logo war ein Zeppelin durch das Opel-O geflogen, nach dem Hindenburg-Unglück war der Zeppelin ein "ausgestorbener Vogel". Langdon würde darauf hinweisen, dass Hitler persönlich anordnete, dass alle Zeppelin-Produktionsstätten abgerissen wurden. Verständlicherweise will kein Autobauer ein schlechtes Omen in seinem Markenzeichen haben und vermutlich begann man bei Opel deshalb, den Zeppelin immer mehr zu stilisieren, bis er zum Blitz wurde. Dass der Blitz wie eine nationalsozialistische Rune aussieht, liegt vielleicht im Auge des semiotisch ungeschulten Betrachters, der Blitz könnte genau so gut eine trotzige anti-nationalsozialistische Erinnerung an den - fast bis zur Unkenntlichkeit stilisierten - Zeppelin sein. 

Nur Robert Langdon kann die Wahrheit herausfinden; Dan Brown könnte daraus einen Bestseller machen.

Die semiotische Feuertaufe: Blitzkrieg


Hier die Forstsetzung meiner auto(!)biographischen Geschichte zur Frage: warum ich Semiotiker geworden bin.

Kaum hatten wir am Grenzübergang angehalten, unseren Pass hergezeigt und die Grenze zu Deutschland überschritten, war mir kurz noch einmal der A = Austria / Österreich und D = Germany / Deutschland - Widerspruch in einer neuen Variante aufgefallen: wenn wir jetzt in der Bundesrepublik Deutschland waren, wie ich auf einem Schild lesen konnte – warum müssen die Deutschen dann nicht ein B für Bundesrepublik auf ihre Mercedes picken?, aber bald nahm mich wieder mein OTTO-RAUS-Problem gefangen.

Nach dem Grenzübergang sah ich mir die Umgebung besonders genau an, da ich der Meinung gewesen war, in Deutschland müsse alles ganz fremd und völlig anders als in Oberösterreich sein; wie gesagt, ich kam aus einer Welt ohne Fernsehen, Internet und Handy. Ich war enttäuscht, dass ich außer komischen Verkehrsschildern, einer schmutzig-weißen Straßenmarkierung (Österreich hatte damals noch gelbe Fahrbahnmarkierungen) und allgegenwärtigen weißblau-karierten Fahnen keine besonderen Unterschiede sehen konnte.
Vielleicht waren es die fehlenden großen Unterschiede, die meine Wahrnehmung dafür schärfte, dass doch etwas fehlte. Wir werden diesem Gedanken wieder bei Conan Doyles/Sherlock Holmes "the curious indicent of the dog in the night time" begegnen. 

Plötzlich fiel mir auf, dass nach der Grenze die OTTO RAUS – Aufschriften schlagartig aufgehört hatten. Steckte doch mein Onkel dahinter? Gleichzeitig tauchten vereinzelt große schwarze, offenbar schnell hingeschmierte As in einem schwarzen Kreis auf den Brückenpfeilern, Fabrikschornsteinen und Bauhütten auf, die von der Autobahn aus sichtbar waren. Was sollten diese As bedeuten? A für Austria in Germany, das man mit D abkürzte? Warum malten die Deutschen ein A und kein D auf ihre eigenen Pfeiler, Wände und Schlote? War Österreich jenseits der Grenze so beliebt?

Als wir mit der Familie des „Kriegskameraden“ beim Essen saßen, fragte er mich, wie es mit denn in Bayern gefalle. Ich sagte, es gefalle mir gut und fragte ihn nach den As im schwarzen Kreis. Er als Deutscher müsste doch wissen, was die Zeichen an der Wand bedeuteten, dachte ich mir wahrscheinlich, falls ich mir überhaupt etwas dachte. 
Innerhalb weniger Minuten brach ein Streit aus, so als hätte ich meinen Onkel nach meinem Cousin Otto gefragt. Der „Kriegskamerad“ und seine Kinder begannen lautstark aufeinander einzuschimpfen, "Blitz" hörte ich noch und "Nazi", "An die Wand stellen" und "Haare abschneiden", dann schickte mich meine Mutter hinaus spielen. 
Auf der Heimfahrt hielt ich im Auto den Mund, weil ich spürte, dass die Stimmung meines Onkels extrem gereizt war. Ich schlief ein, aber der Opel aus Österreich mit dem A im Kreis und dem O als Markeneichen, durch das ein Blitz zischte, das A an den Hausmauern und das O von Otto verschmolzen in meinem Kopf zu einem pochenden A&O. Dass fremde Leute mit meinem Onkel und meiner Mutter wegen eines „A“ so zornig werden können und die Frage, ob mein Onkel heimlich OTTO RAUS auf Wände schreibt, hat mich bis in meinem Traum verfolgt. Vielleicht hatte ich Fieber bekommen. Alles wurde A&O und mir fiel auf, dass mein Vater gerne sagte: „Das ist doch das A&O von dem und dem“, was mir nicht ganz klar war. Sogar der Lebensmitteladen mit A&O kam mit jetzt irgendwie eigenartig vor.

Heute ist semiotisches Grundwissen nur einenMausklick entfernt. Damals hieß es grübeln, graben und recherchieren, bis ich das A&O-Rätsel gelöst hatte: A&O = A(narchismus) & O(tto von Habsburg), Alpha und Omega, Adolf Spinner aus Offenburg und Adam Opel. Das klassisch anmutende A&O-Logo der Lebensmittelkette, bei dem man glauben könnte, es verspräche ein Sortiment von Alpha bis zum Omega geht indirekt zurück auf dem Gründer dieser Kette, Adolf Spinner aus Offenburg. Die Kette hieß zuerst ASO und wurde erst später zu  A&O. Das erste Firmenlogo von Opel war ein übereinander verschnörkeltes AO, die Initialen des Gründers Adolf Opel. Dass der Opel-Konzern einen Blitz im Markenzeichen hat, ist politisch zumindest "interessant": Der Opel Blitz war der wichtigste Lastwagen der Wehrmacht, - so bekommt der Ausdruck Blitzkrieg eine neue Nebenbedeutung.  Dass Länderabkürzungen und andere Zeichensysteme nicht immer nach logischen Kriterien aufgebaut sind, daran habe ich mich auch gewöhnt. So bin ich Semiotiker geworden.

Ich habe diese autobiographische Geschichte so erzählt, wie ich sie „emotional“ erinnere. Erinnerung ist immer auch Wunschdenken, Verklärung und narrative Ordnung des Wahrnehmungschaos. Nachdem ich meinen Rückblick aufgeschrieben hatte, erschien er mir „intellektuell" unglaubwürdig, deshalb habe ich die Koordinaten historisch überprüft. Offenbar war ich auf unserem Ausflug nach Deutschland in das Spannungsfeld von Monarchie und Revolution, von Gestrigkeit und Moderne geraten. Meine semiotische Feuertaufe muss sich um das Jahr 1966 zugetragen haben, in Österreich herrschte seit Jahren die sogenannte „Habsburg-Krise“, die sich darum drehte, ob Otto vonHabsburg einen österreichischen Pass bekäme, mit dem er in Österreich einreisen dürfe, während in Deutschland schon die ersten Achtundsechziger aktiv geworden waren und die Söhne der „Kriegskameraden“ begannen, ihre Haare wachsen zu lassen und die kurzgeschorenen Väter nach ihrer Vergangenheit zu befragen.

Während in Österreich vor allem die Sozialisten mit OTTO RAUS und Streikaufrufen dagegen demonstrierten, dass Otto von Habsburg am 31. Oktober 1966 erstmals nach Abzug der Besatzungstruppen in die Republik Österreich einreisen durfte, pinselten die politischen Aktionisten in Deutschland schon lustvoll das schwarze A des Anarchismus an die Wände, Spraydosen waren damals noch viel zu teuer, der Ausdruck Sprayer noch unbekannt und Graffitis die auffällige Ausnahme.

Das OTTO RAUS auf der Hütte am Traunsee sehe ich noch heute vor mir: die weißen Lettern waren mehr als einen Meter hoch und dennoch regelmäßig wie Schönschrift. Schon daran kann man im mediensemiotischen Rückblick erkennen, dass die Menschen, die das geschrieben haben, keine gehetzten Gestalten waren, die bei Nacht und Nebel schnell politische oder pornographische Botschaften kritzelten. Offenbar waren für OTTO RAUS teilweise Schablonen verwendet worden, die möglicherweise sogar von der Sozialistischen Partei Österreichs zur Verfügung gestellt worden waren. Die Anarcho-As in Deutschland mussten hingen heimlich und schnell hingeworfen werden, bevor die Polizei erschien und die langhaarigen Aufrührer abführte.

P.S.:
Ob es damals bei uns tatsächlich schon die Lebensmittelkette A&O gegeben hat, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen.