Donnerstag, 25. Oktober 2012

Big brother is (s)watching you


Uhren sind mehr als Chronographen (Zeit-Auf-Schreiber), mehr als Zeichen für den Stand der Sonne im Verhältnis zu unserem eigenen Standpunkt. Warum sollte man(n) sonst eine gefälschte Rolex tragen, die die Zeit weniger verlässlich anzeigt als eine billige Swatch?

Aus semiotischer Sicht sind vor allem die sozialen Faktoren interessant, die mit Uhren verbunden sind. Schauen wir auf unsere Armbanduhr: sie hat uns am Gängelband. Wer eine Armbanduhr tragen muss, ist arm dran. Nicht die Uhr ist an uns angebunden, sondern wir an sie. „Big Brother ist watching you“ – darin steckt der Begriff „watch“ = „überwachen, bewachen, beobachten“ aber auch „Uhr“. Die wristwatch hat uns am Arm gepackt, der Griff ist fest, firm. 

Vor der Invasion der Plastikdinger waren auch die billigsten Armanduhren wertvoll, ein Gebrauchsgegenstand für Erwachsene und kein modischer Schnickschnack oder gar Kinderspielzeug. Die Uhr am Arm hat bekräftigt (confirmiert), dass man erwachsen geworden ist.
Im religiösen Sinn bekräftigt die confirmatio die Taufe, die dem Kind ja ohne dessen Zustimmung übergestülpt wird. Erst der/die Gefirmte ist stark genug, dem Teufel (Gott-sei-bei-uns) zu widerstehen und sich selbstverantwortlich zum Glauben zu bekennen. Dieser Gedanke ist auch in der Jüdischen Tradition präsent, Bar Mizwa bedeutet „Sohn der Pflicht“, mit anderen Worten, die neu erreichte Eigenverantwortlichkeit. Rede und Antwort stehen - etwa wenn man zu spät kommt.

Der religiöse Kontext kann nicht ausreichend erklären, warum ausgerechnet eine  Armbanduhr das traditionelle Geschenk bei der Firmung oder Konfirmation war. Den entscheidenden Hinweis findet man, wenn man an das zweite klassische Firmungsgeschenk denkt, das Fahrrad. Das Fahrrad braucht man nicht, um rechtzeitig zur Frühmesse in die Kirche zu kommen, sondern als billigstes mechanisches Transportmittel um rechtzeitig in die Fabrik zur Arbeit zu kommen. 

Die Armen schenken Ihren Kindern (mit oder ohne Firmung) eine Armbanduhr, um zu zeigen, dass die unbeschwerte Zeit der Kindheit und Jugend vorbei ist. 
Im Alter der Firmung steigen die Menschen, die nicht privilegiert sind, in den Arbeitsprozess ein. Sie sind damit nicht mehr Herr über ihre Zeit. Wer seine Arbeitkraft verkaufen muss, verkauft seine Zeit. 

Klischeehaft ausgedrückt: Der Boss hat eine Taschenuhr an einer Goldkette im Gilet, er hat die Zeit. Der Arbeitnehmer kann sich weder die Zeit nehmen, um eine Uhr aus der Tasche zu holen, noch hat er die Hände frei. Er kann nur, ohne sein Handwerk unterbrechen zu müssen, einen gehetzten Blick auf die Armbanduhr werfen.
Die Urvölker hatten keine Uhren. Sie haben sich nach dem Stand der Sonne, des Mondes und der Sterne gerichtet. Damit sind sekundengenaue Termine schwer möglich. 
Mittlerweile ist der Zeitdruck global so stark geworden, dass die Uhren als Zeitpeitsche unser Handgelenk verlassen haben, jetzt können sich Breitling&Co.dort als Schmuckstück und Statussymbol breit machen. Die neuen Herren der Zeit haben sich parasitär überall dort eingenistet, wo wir arbeiten und spielen: auf dem Computerbildschirm, auf dem Flachbild-Fernseher, dem Armaturenbrett und natürlich auf dem Handy.
Mein Wecker piepst - die Zeit, die ich mir für diesen Post genommen habe, ist abgelaufen.



 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen