Donnerstag, 4. Oktober 2012

Die Muttersprache von Gottvater


Der Herrgott stellt Kain expressis verbis zur Rede: „Warum bist du so wütend, und warum senkt sich dein Angesicht?“ (1 Mose 4, Schlachter 2000). Was im biblischen Kontext normal ist, klingt außerhalb dessen verrückt: wer Stimmen hört, ist ein Fall für die Psychiatrie. Wenn man sich jedoch auf die Regeln der biblischen Welt einlässt, wird daraus ein Fall für die Semiotik. Die Frage, in welcher Sprache der Herr „Es werde Licht!“ zum finsteren Chaos sagte, in welcher Terminologie er Adam und Eva verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, mit welchen Worten er zu Kain zur Rede stellte, und wie wir alle vor Babylon miteinander sprachen, ist in früheren Jahrhunderten Gegenstand zahlreicher Spekulationen gewesen. Man stellte „wissenschaftliche“ Versuche mit Neugeborenen an, die ihren Müttern entrissen und eingesperrt wurden und mit denen niemand sprechen durfte, damit sie anstatt der biologischen Muttersprache „von selbst“ die Sprache Gottes bzw. die Ursprache Adam und Evas zu sprechen beginnen sollten. 
All diese Menschenversuche, die die Semiotik Gottes ergründen wollten, sind gescheitert. (Vgl. U. Eco, Auf der Suche nach der vollkommenen Sprache).

Wie bereits in einem früheren Post erwähnt, ist die Kain-und-Abel-Story keine Detektiv- sondern eine Kriminalgeschichte. Gott ist nicht Sherlock Holmes, der recherchiert und deduziert, sondern als Schöpfer der Welt der Autor des Krimis, der den Täter schon vor der Tat kennt. Obwohl es unter diesen Voraussetzungen nicht nötig wäre, dass die Tat Spuren hinterlässt, wird die „Entdeckung“ der Tat in der Bibel mit einer wunderbaren Metapher verbunden: das Blut Abels „schreit“ Himmel. Zur Strafe belegt der Herrgott Kain mit einem Fluch.
Auf diese magische Kraft der Sprache (Verfluchung, Verzauberung) werden wir noch genauer eingehen. Am Ende der ersten biblischen Mordgeschiche setzt der Herrgott nochmals ein starkes Zeichen: „Vnd der HERR macht ein Zeichen an Kain / das jn niemand ershlüge / wer jn fünde“ heißt es bei Luther; die Vulgata spricht von „Signum“, die griechische Septuaginta von „sēmeion“, womit wir – auch sprachlich – bei der Semiotik wären.
Dieses Kainszeichen oder Kainsmal (vgl. Muttermal, in engl. Bibelübersetzungen ist von „mark“ die Rede, engl. Muttermal = birthmark) ist vor Jahrtausenden in die Sprache eingegangen, obwohl
a) kaum jemand weiß, wie es aussieht, und
b) nur die Schriftgelehrten noch daran denken, dass das Kainsmal eigentlich als Schutzzeichen gedacht war.

Es ist aus psychologischer Sicht interessant, dass die ursprüngliche Bedeutung „Schutzzeichen“ im Laufe der Geschichte durch das semantische Gegenteil ersetzt worden ist. Wer ein Kainsmal trägt, ist ein Stigmatisierter, der erst Recht Gefahr läuft, ausgegrenzt, vertrieben, erniedrigt, eingesperrt und erschlagen zu werden: homo homini lupus, wie wir im Anthropologie-Post gesehen haben.
In welcher „Sprache“ hat der Herrgott das Kainszeichen ausgedrückt? Wer kennt den Code? Ist dieses semiotische Wissen konventionell oder intuitiv verankert?
Wenn man die alten Texte wörtlich nimmt, dann hat der Herrgott dieses Zeichen „an Kain“ selbst, d.h. am Körper Kains sichtbar gemacht. Wir können uns das Kainsmal als Muttermal, körperliche Besonderheit oder z.B. Hautfarbe vorstellen. Ist Kain rothaarig, Linkshänder, dunkelhäutig, Albino?
Auf dieses Thema werden wir im Zusammenhang mit Zeichen, Politik, Psychiatrie und Strafvollzug genauer eingehen, wobei es sowohl um die Frage nach dem Analogieverhältnis von „innen“ und „außen“, von Geist und Körper, gehen wird als auch um die Frage, ob die Mächtigen, „die Vertreter Gottes auf Erden“, selbst Zeichen an den Nachfolgern Kains hinterlassen dürfen. Letzteres führt z.B. zur Idee der “Spiegelstrafe“, die die Tat abbildet: dem Dieb wird die Hand abgehackt, dem Verleumder die Zunge herausgerissen, der lüsterne Voyeur wird geblendet. So wird die Körperstrafe lesbar und damit Zeichen der Tat.
Das Kainsmal könnte auch eine Art Tätowierung oder ein Talisman gewesen sein, wie etwa ein Schutzzeichen gegen den bösen Blick; die Verbindungslinie Blick-Knoblauch-Hoden habe ich in einem früheren Blick mit Hilfe der Psychoanalyse gezogen.

Die Frage „Wer kennt den Code?“ hängt eng mit der Frage zusammen, was denn das Kainsmal nun eigentlich sei. Ist es ein körperliches Merkmal (Haltung, Gesichtszüge, Hautfarbe, Schädelform), das wir „intuitiv“ erkennen sollten, so wie es heißt, dass Säuglinge ein Lächeln erkennen, oder ist dieses Zeichen durch einen Code verbunden, den wir erst lernen müssen. 

Die alten Texte geben hier keine klare Auskunft. Wenn wir nicht sicher sagen können, ob das Kainsmal ein genetisch verankertes körperliches Zeichen ist, eine Tätowierung, ein Amulett oder  nur eine Metapher, dann können wir nicht sinnvoll darüber urteilen, ob es vererbt wird oder nicht. Trotzdem müssen wir in diesem Zusammenhang die semiotischen Aspekte der Eugenik und Euthanasie, der Rassenlehre und der Ansicht, das Innenleben spiegle sich im Äußeren, behandeln. Mehr dazu im nächsten Post.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen