Montag, 8. Oktober 2012

Die semiotische Feuertaufe: Blitzkrieg


Hier die Forstsetzung meiner auto(!)biographischen Geschichte zur Frage: warum ich Semiotiker geworden bin.

Kaum hatten wir am Grenzübergang angehalten, unseren Pass hergezeigt und die Grenze zu Deutschland überschritten, war mir kurz noch einmal der A = Austria / Österreich und D = Germany / Deutschland - Widerspruch in einer neuen Variante aufgefallen: wenn wir jetzt in der Bundesrepublik Deutschland waren, wie ich auf einem Schild lesen konnte – warum müssen die Deutschen dann nicht ein B für Bundesrepublik auf ihre Mercedes picken?, aber bald nahm mich wieder mein OTTO-RAUS-Problem gefangen.

Nach dem Grenzübergang sah ich mir die Umgebung besonders genau an, da ich der Meinung gewesen war, in Deutschland müsse alles ganz fremd und völlig anders als in Oberösterreich sein; wie gesagt, ich kam aus einer Welt ohne Fernsehen, Internet und Handy. Ich war enttäuscht, dass ich außer komischen Verkehrsschildern, einer schmutzig-weißen Straßenmarkierung (Österreich hatte damals noch gelbe Fahrbahnmarkierungen) und allgegenwärtigen weißblau-karierten Fahnen keine besonderen Unterschiede sehen konnte.
Vielleicht waren es die fehlenden großen Unterschiede, die meine Wahrnehmung dafür schärfte, dass doch etwas fehlte. Wir werden diesem Gedanken wieder bei Conan Doyles/Sherlock Holmes "the curious indicent of the dog in the night time" begegnen. 

Plötzlich fiel mir auf, dass nach der Grenze die OTTO RAUS – Aufschriften schlagartig aufgehört hatten. Steckte doch mein Onkel dahinter? Gleichzeitig tauchten vereinzelt große schwarze, offenbar schnell hingeschmierte As in einem schwarzen Kreis auf den Brückenpfeilern, Fabrikschornsteinen und Bauhütten auf, die von der Autobahn aus sichtbar waren. Was sollten diese As bedeuten? A für Austria in Germany, das man mit D abkürzte? Warum malten die Deutschen ein A und kein D auf ihre eigenen Pfeiler, Wände und Schlote? War Österreich jenseits der Grenze so beliebt?

Als wir mit der Familie des „Kriegskameraden“ beim Essen saßen, fragte er mich, wie es mit denn in Bayern gefalle. Ich sagte, es gefalle mir gut und fragte ihn nach den As im schwarzen Kreis. Er als Deutscher müsste doch wissen, was die Zeichen an der Wand bedeuteten, dachte ich mir wahrscheinlich, falls ich mir überhaupt etwas dachte. 
Innerhalb weniger Minuten brach ein Streit aus, so als hätte ich meinen Onkel nach meinem Cousin Otto gefragt. Der „Kriegskamerad“ und seine Kinder begannen lautstark aufeinander einzuschimpfen, "Blitz" hörte ich noch und "Nazi", "An die Wand stellen" und "Haare abschneiden", dann schickte mich meine Mutter hinaus spielen. 
Auf der Heimfahrt hielt ich im Auto den Mund, weil ich spürte, dass die Stimmung meines Onkels extrem gereizt war. Ich schlief ein, aber der Opel aus Österreich mit dem A im Kreis und dem O als Markeneichen, durch das ein Blitz zischte, das A an den Hausmauern und das O von Otto verschmolzen in meinem Kopf zu einem pochenden A&O. Dass fremde Leute mit meinem Onkel und meiner Mutter wegen eines „A“ so zornig werden können und die Frage, ob mein Onkel heimlich OTTO RAUS auf Wände schreibt, hat mich bis in meinem Traum verfolgt. Vielleicht hatte ich Fieber bekommen. Alles wurde A&O und mir fiel auf, dass mein Vater gerne sagte: „Das ist doch das A&O von dem und dem“, was mir nicht ganz klar war. Sogar der Lebensmitteladen mit A&O kam mit jetzt irgendwie eigenartig vor.

Heute ist semiotisches Grundwissen nur einenMausklick entfernt. Damals hieß es grübeln, graben und recherchieren, bis ich das A&O-Rätsel gelöst hatte: A&O = A(narchismus) & O(tto von Habsburg), Alpha und Omega, Adolf Spinner aus Offenburg und Adam Opel. Das klassisch anmutende A&O-Logo der Lebensmittelkette, bei dem man glauben könnte, es verspräche ein Sortiment von Alpha bis zum Omega geht indirekt zurück auf dem Gründer dieser Kette, Adolf Spinner aus Offenburg. Die Kette hieß zuerst ASO und wurde erst später zu  A&O. Das erste Firmenlogo von Opel war ein übereinander verschnörkeltes AO, die Initialen des Gründers Adolf Opel. Dass der Opel-Konzern einen Blitz im Markenzeichen hat, ist politisch zumindest "interessant": Der Opel Blitz war der wichtigste Lastwagen der Wehrmacht, - so bekommt der Ausdruck Blitzkrieg eine neue Nebenbedeutung.  Dass Länderabkürzungen und andere Zeichensysteme nicht immer nach logischen Kriterien aufgebaut sind, daran habe ich mich auch gewöhnt. So bin ich Semiotiker geworden.

Ich habe diese autobiographische Geschichte so erzählt, wie ich sie „emotional“ erinnere. Erinnerung ist immer auch Wunschdenken, Verklärung und narrative Ordnung des Wahrnehmungschaos. Nachdem ich meinen Rückblick aufgeschrieben hatte, erschien er mir „intellektuell" unglaubwürdig, deshalb habe ich die Koordinaten historisch überprüft. Offenbar war ich auf unserem Ausflug nach Deutschland in das Spannungsfeld von Monarchie und Revolution, von Gestrigkeit und Moderne geraten. Meine semiotische Feuertaufe muss sich um das Jahr 1966 zugetragen haben, in Österreich herrschte seit Jahren die sogenannte „Habsburg-Krise“, die sich darum drehte, ob Otto vonHabsburg einen österreichischen Pass bekäme, mit dem er in Österreich einreisen dürfe, während in Deutschland schon die ersten Achtundsechziger aktiv geworden waren und die Söhne der „Kriegskameraden“ begannen, ihre Haare wachsen zu lassen und die kurzgeschorenen Väter nach ihrer Vergangenheit zu befragen.

Während in Österreich vor allem die Sozialisten mit OTTO RAUS und Streikaufrufen dagegen demonstrierten, dass Otto von Habsburg am 31. Oktober 1966 erstmals nach Abzug der Besatzungstruppen in die Republik Österreich einreisen durfte, pinselten die politischen Aktionisten in Deutschland schon lustvoll das schwarze A des Anarchismus an die Wände, Spraydosen waren damals noch viel zu teuer, der Ausdruck Sprayer noch unbekannt und Graffitis die auffällige Ausnahme.

Das OTTO RAUS auf der Hütte am Traunsee sehe ich noch heute vor mir: die weißen Lettern waren mehr als einen Meter hoch und dennoch regelmäßig wie Schönschrift. Schon daran kann man im mediensemiotischen Rückblick erkennen, dass die Menschen, die das geschrieben haben, keine gehetzten Gestalten waren, die bei Nacht und Nebel schnell politische oder pornographische Botschaften kritzelten. Offenbar waren für OTTO RAUS teilweise Schablonen verwendet worden, die möglicherweise sogar von der Sozialistischen Partei Österreichs zur Verfügung gestellt worden waren. Die Anarcho-As in Deutschland mussten hingen heimlich und schnell hingeworfen werden, bevor die Polizei erschien und die langhaarigen Aufrührer abführte.

P.S.:
Ob es damals bei uns tatsächlich schon die Lebensmittelkette A&O gegeben hat, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen.

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