Montag, 1. Oktober 2012

Hip-Hop Herrgott


Wie im letzten Post erwähnt, drückt die Vulgata die Reaktion/Nicht-Reaktion des Herrgottes auf die beiden Brandopfer mit einem Begriff aus, der heutzutage eine zentrale Qualität im Hip-Hop und in der Street Art-Kulttur bezeichnet: Respect! Der Herr hat Abels Opfer „respektiert“ (respexit)  und Kains Opfer „nicht respektiert“ (non respexit): das ist das fehlende Pong in Kains Ping Pong – Spiel mit dem Herrgott.
Über fehlenden Respekt kann man leicht "abstrakt" reden, das in Kains Dialog mit Gott ausbleibende Pong ist jedoch schwer bildlich darzustellen. Bekanntlich war die Kirche in früheren Zeiten, als die Massen nicht lesen konnten,  schon gar kein Latein oder Griechisch beherrschten und sich erst recht keine Bücher/Handschriften leisten konnten, darauf angewiesen, ihre Geschichten nonverbal an den Kirchenwänden und auf repräsentativen Bildern darzustellen. Kann man Respekt/mangelnden Respekt in einem Bild „griffig“ darstellen?
Beide Opfer werden in der christlichen Ikonographie meist als Brandopfer dargestellt, weil das
a) eine urtümliche Form des Opferns war und
b)  die einfachste Lösung des „intersemiotischen“ Respect-Problems bietet.

Der Respekt bzw. Nicht-Respekt des Herrn wird in intuitiver Symbolik durch weißen bzw. schwarzen  Rauch dargestellt, der von den Opferfeuern aufsteigt. Der Rauch von Abels Opferfeuer ist weiß und steigt geradewegs zum Himmel auf, der Rauch von Kains Opferfeuer ist schwarz und kriecht wie die teuflische Schlange am Boden. Der sich niederschlagende Rauch entspricht einem niedergeschlagenen Kain.

Man kann in vielen Bildern die Ablehnung durch den Herrn geradezu riechen (es sei denn, man ist passionierter Haschisch-Raucher): Kains Opferfeuer qualmt dunkel und reizt die Lunge. Im Handumdrehen führt der Zwang zur bildlichen Darstellung zum Klischee, zum Vorurteil, zum Rassismus, zum Schwarz-Weiss-Denken: Hell = Gut, Dunkel = Böse!

Wenn der Herrgott seine Ablehnung durch natürlich-indexikalische Zeichen ausdrückt, dann muss man aus semiotischer Perspektive die Frage stellen, ob Kain diese Zeichen richtig lesen kann bzw. ob er nicht verrückter Weise den schwarzen, übelriechenden, am Boden kriechenden Rauch zum Zeichen macht, obwohl dieser nicht als metaphysisches Zeichen gemeint ist.
In einer aufgeklärten Welt würde man sagen, dass Kain Natur mit Kultur verwechselt, Physik mit Metaphysik gleichsetzt, indem er einem physikalisch-meteorologischen Phänomen die Bedeutung einer göttlichen Mitteilung zuschreibt und die Grenzen der Lesbarkeit der Welt (Blumenberg) über jeden vernünftigen Rahmen hinaus ausdehnt: "Ich habe meinen Bruder erschlagen, weil der Rauch meines Opferfeuers nicht in den Himmel aufgestiegen ist!" Heutzutage würde man Kain in eine geschlossene Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher stecken, weil er semiotische Codes anwendet, die nicht mehr in unser Weltbild passen.

Der nächste Post wird die hier begonnenen Überlegungen zum Klischee/Vorurteil und zum intermedialen/intersemiotischen Zwang der konkreten Darstellung von abstrakten Begriffen weiter verfolgen.

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