Montag, 1. Oktober 2012

Ping Pong mit Bob Dylan


Bei einer semiotischen Analyse stehen immer Kommunikationssituationen im Zentrum, da in ihnen per definitonem Zeichen gesetzt, gesendet und gelesen werden: es werden Zeichenhüllen als Formen (z.B. als Laute, Gesten, Körperhaltungen, Buchstaben, Bilder etc.) mitgeteilt und empfangen. SenderInnen und EmpfängerInnen hoffen bzw. erwarten im Regelfall, dass an diesen Formen die üblichen (= für beide Seiten richtigen und annähernd identen) Inhalte hängen. Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass weder das Setzen noch das Lesen der Zeichen bewusst und absichtlich sein muss.
Es ist nicht notwendig, an dieser Stelle bereits tiefer in  die Zeichentheorie und die semiotische bzw. semiologische Fachterminologie einzusteigen, da wir alle in der Praxis ohnehin (und ohne Fachterminologie!) gute, geübte und meist erfolgreiche ZeichensetzerInnen und -leserInnen sind, - von Missverständnissen abgesehen. (Dazu kommt ein eigener Post.)

Das Alte Testament geht nicht auf die Frage ein, wie (= mit welchen Zeichen) der Herrgott ein Opfer von Kain und Abel verlangt hat, ob er mit ihnen nonverbal bzw. per Gedankenübertragung kommuniziert hat, oder ob die beiden Brüder selbst auf die Idee (Einbildung?) gekommen sind, durch zeichenhafte Opfer mit dem Herrn zu kommunizieren. Wir wissen zwar nichts über die Zeichen, die vor den Opferzeichen stehen,  allerdings wissen wir, dass der Gott des Alten Testaments manchmal Opfer direkt verlangt, etwa von Abraham, dessen Glauben der Herrgott testet, indem er ihn auffordert, seinen eigenen Sohn zu opfern. 
Durch diese archetypische Zwickmühle thematisieren wir den immer aktuellen Konflikt zwischen Autoritätshörigkeit und Menschenliebe, zwischen kollektivem Todestrieb und individuellem Lebenstrieb. In Gehorsam (z.B. Kadavergehorsam) und Hörigkeit steckt das „auf die Stimme der Macht hören“, was uns einerseits wieder zu den bereits in einem vorhergehenden Post erwähnten Versuchen von Milgram  und Zimbardo führt, und andererseits zum Leitmedium der rebellierenden Jugend der 60er-Jahre, den Songs der Singer/Songwriter. Abrahams Zwickmühe hat darin zwei deutlich unterschiedliche Spuren hinterlassen: Cohens besinnliche „Story of Isaac“ (1969) und Bob Dylans „Highway 61 revisited“ (1965), in dem Gott expressis verbis von Abraham ein Menschenopfer verlangt und sich sofort eine „rotzfreche“ Antwort einhandelt: 'God said to Abraham „kill me a son“', heißt es bei Dylan. Abrahams Antwort ist legendär-antiautoritär und für die damalige Zeit (Vietnamkrieg!) typisch: 'Abe said „Man, you must be putting me on!"' – auf Deutsch etwa: Alter, das meinst Du wohl nicht ernst, Du willst mich wohl...“.

Es ist in den alten Quellen meines Wissens nicht ganz genau beschrieben, wie der Herrgott auf die beiden Opfer reagiert, fest steht nur, dass er unterschiedlich reagiert. Die Vulgata, die alte lateinische Fassung, drückt die Reaktion mit einem Begriff aus, der an eine zentrale Qualität im Hip-Hop und Street Art-Leben erinnert: Respect! 
Die Vulgata schreibt, der Herr habe Abels Opfer „respektiert“ (respexit)  und Kains Opfer „nicht respektiert“ (non respexit), bei Luther lesen wir, der Herr sah das Opfer Abels „gnediglich“ (=gnädig) an, das von Kain sah er „nicht gnediglich“ an, in der Elberfelder Bibel (1905): Und Jehova blickte auf Abel und auf seine Opfergabe;  aber auf Kain und auf seine Opfergabe blickte er nicht. 
So wird der Blick zum intuitiv verständlichen Zeichen: Abel wird beachtet, Kain missachtet.

Bleiben wir bei der letzten Übersetzung, in der Gott dem Kain „die kalte Schulter zeigt“, indem er sein Opfer nicht einmal anblickt. Wie bereits in einem früheren Post ausgeführt, ist es im Prinzip gleichgültig, ob man diese Geschichte mit zwei Brüdern, zwei Schwestern, dem Großvater, der Mutter oder sonst einer passenden ménage à trois nacherzählt, wichtig ist die Tatsache, dass der/die Ignorierte  die fehlende Reaktion des Ansprechpartners als Zeichen auffasst, denn „Man kann nicht nicht kommunizieren“, wie das geflügelte Wort von Paul Watzlawick heißt. Keine Antwort ist auch eine Antwort, sagt man;  es ist wie beim Tischtennis: wenn auf das Ping (das Opfer) kein Pong (keine Reaktion) folgt, es kommt zu keinem Ping-Pong-Spiel.

Es in diesem Zusammenhang noch nicht wichtig, ob der Herrgott nun einfach nicht reagiert habe, ob er „nicht gnediglich“ oder gar nicht geschaut habe, ob er seine Ablehnung durch ein anderes Zeichen ausgedrückt hat oder ob sich Kain die Ablehnung nur eingebildet hat. Interessant wird diese Frage erst im Zusammenhang mit intersemiotischen Überlegungen im Hinblick auf die bildliche Darstellung der Opferszene, auf die ich im nächsten Post eingehen werde.

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