Montag, 15. Oktober 2012

Red Revolutions per Minute


Ich glaube, mich an eine symbolisch höchst aufgeladene Verkehrsampel-Szene aus Bernardo Bertoluccis Film Der letzte Kaiser (1987) zu erinnern, in dem er den Lebensweg von Puyi nachzeichnet, dem letzten Kaiser von China, der 1908 an die Macht kam. 
In dieser Szene warten Arbeiter(=die revolutionären Massen)  mit Fahrrädern vor einer Verkehrsampel. Die Ampel zeigt grün, die Arbeiter rühren sich nicht von der Stelle. Erst als die Ampel auf rot springt, schwingen sie sich auf ihre Räder und fahren los: das ist Revolution! 
Das Internet ist voll mit Gerüchten und Geschichten zu dieser Szene, ich wollte jedoch sicher wissen, ob dieser Filmausschnitt nur ein cineastisch-semiotisches Spiel ist oder ob er auf einer wahren Begebenheit beruht. Es wäre naheliegend, dass das kommunistische China nach der roten Revolution versucht hätte, das westliche Verkehrsampelsystem auf den Kopf zu stellen (oder auf die Füße, wie Marx gesagt hätte). Die Farbe Rot ist die Farbe des Kommunismus, der aufgehenden Sonne, des gesellschaftlichen Fortschritts, aber auch das traditionelle Glückssymbol Chinas. Daher wäre es aus der Sicht der Revolution (=Umdrehung, vgl. rpm = Revolutions per Minute) nur logisch, dass sich die Räder bei „rot“ drehen, anstatt stehen zu bleiben.

Dank Harvey Dzodin in Beijing bin ich auf die richtige Spur gekommen: tatsächlich hat es im revolutionären Eifer an der Spitze der Partei Diskussionen über die Verkehrsampeln gegeben; die Partei wollte den sogenannten „großen Sprung nach vorne“ und die „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche und Mao in einem Satz sind doppelt gefährlich), um die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum revolutionären Paradies radikal zu verkürzen. Angeblich hatte man sich schon für die revolutionäre Regel Rot = Fortschritt = Fahren entschieden, als der Premierminister Tschou en Lai (Zhou Enlai) sich doch noch mit dem entscheidenden Argument durchsetzt, dass es viel besser wäre, weiterhin bei rot anzuhalten, weil man damit den Respekt vor der kommunistischen Partei zum Ausdruck bringt. Strammstehen statt Umdrehungen. 
Seither denke ich immer an die Kommunistische Partei, wenn ich vor einer roten Ampel stehe. Und an die Grünen, wenn ich im im Stau stecke - obwohl die Ampel grün zeigt.



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