Donnerstag, 4. Oktober 2012

Vom Mal zum Makel: Maler müssen mit dem Pinsel urteilen


Im letzten Post habe ich mir Gedanken über die konkrete physische Beschaffenheit des Kainsmals gemacht. Heute will ich diesen Gedanken erweitern auf: der semiotische Blick wird sich nie auf das Dargestellte beschränken, sondern immer auch die Darstellung einbeziehen.

Im letzten Post habe ich auch geschrieben, jeder sei für sein Gesicht ab einem gewissen Alter selbst verantwortlich. Heute frage ich: Wer ist für Kains Gesicht (Haar, Haufarbe, Nase, Mal) verantwortlich?

Der Semiotiker Roman Jakobson zitiert in seinem Text On Linguistic Aspects of Translation den Anthropologen Franz Boas, der darauf hinweist, dass uns die Grammatik der Zielsprache bei einer Übersetzung von einer Sprache in eine andere oft zwingt, Entscheidungen zu treffen, die in der Ausgangssprache nicht getroffen worden sind. 
Jakobson illustriert diesen Gedanken mit einem einfachen Beispiel: Wenn man den englischen Satz „I hired a worker“ ins Russische (oder: gendergerecht auch ins Deutsche) übersetzen will, dann muss man vor der Übersetzung wissen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, weil man in der Zielsprache eine Wahl zwischen rabotnica und rabotnicu (Arbeiterin und Arbeiter) treffen muss. Wenn man es nicht weiß, muss man – wenn möglich – nachfragen; eine Frage die als neugierig oder sogar ungehörig empfunden werden kann. (Jakobson)
Im selben Text schlägt Jakobson auch eine Einteilung der Übersetzungsarten in a) intralingual, b) interlingual und c)intersemiotisch vor. Obwohl diese Einteilung in übersetzungswissenschaftlichen Kreisen nicht nur positiv aufgenommen worden ist, ist sie als Raster für den semiotischen Blick überaus hiflreich. Lassen wir uns von der sperrigen Fachterminologie (dazu wir es auch eigene Posts geben) nicht abschrecken. Wenn man daran denkt, dass „linqua“ die Sprache oder Zunge ist, dass „intra“ auf Deutsch „innen, innerhalb“ bedeutet und „inter“ sogar bei der Eisenbahn für  „zwischen“ steht (Intercity), dann werden die Begriffe klarer: intralingual bedeutet innersprachlich, interlingual bedeutet zwichensprachlich. Eine Umformulierung im Deutschen (wie „Gesicht“ statt „Antlitz“)  ist eine innersprachliche Übersetzung, Übersetzungen in eine andere Sprache, wie die in diesem Blog mehrmals diskutierten Übersetzungen der lateinischen Vulgata in die deutsche oder englische Sprache, sind zwischensprachliche Übersetzungen. Als intersemiotisch bezeichnet Jakobson eine Übersetzung, die sich, von der Sprache ausgehend, mit nicht-sprachlichen Mittel ausdrückt und daher inter (zwischen) zwei Zeichensystemen (semiotisch, z.B. Verbal / nonverbal) wechselt. 
Ich dehne den Begriff intersemiotisch gerne auf alle Übersetzungsformen aus, die zwischen zwei Zeichensystemen wechseln, auch wenn die Ausgangssprache keine Sprache im engeren Sinn ist, aber im vorliegenden Kriminalfall können wir bei der klassischen Definition von Jakobson bleiben.

Mit Jakobson kann sagen, dass visuelle Darstellungen des biblischen Brudermordes intersemiotische Übersetzungen sind; Maler haben die Beschreibungen aus dem 1. Buch Mose in Bilder übersetzt. Wenn wir nun Jakobson Gedanken zur Übersetzung und Boas Hinweis auf den Zwang zur Auswahl verbinden, dann sehen wir, dass die Maler als intersemiotische Übersetzer Entscheidungen treffen müssen, die im Ausgangstext nicht getroffen worden sind.

Wie bereits erwähnt, war die Kirche in früheren Zeiten, als die Massen nicht lesen konnten,  schon gar kein Latein oder Griechisch beherrschten und sich erst recht keine Bücher/Handschriften leisten konnten -, darauf angewiesen, ihre Geschichten nonverbal an den Kirchenwänden und auf repräsentativen Bildern zu propagieren. So wie ein interlingualer Übersetzer sich zwischen rabotnica und rabotnicu entscheiden muss, muss der Maler sich „angesichts“ (!) der Kain- und-Abel-Story entscheiden, welches Gesicht, welche Haut- und Haarfarbe, welchen Körperbau, welche Nase er dem Kain und dem Abel gibt. Dazu kommt, dass das Kainsmal zum Makel verkommen ist. Der Maler muss mit dem Pinsel urteilen, wie er Kain und sein Kainsmal darstellt. Wenn er Kain schwarz oder mit einer Judennase zeigt, dann ist „das Böse“ schwarz oder eben jüdisch, dann werden Rasse und Hautfarbe zum Makel. Jedes visuelle Urteil wird zum Vorurteil, jedes Bild zum Vorbild, das eine Flut von Vorteilen/Vorbildern und Urteilen/Nachbildern in Gang setzt, die sich zum Klischee verfestigt: Schauen Sie sich bildliche Darstellungen vom Brudermord an und Sie werden sehen, wovon ich spreche.


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